Deutschunterricht mit Folgen

Wie Fachkräfte aus Venezuela nach Deutschland kommen

Krankenhäuser in Deutschland suchen Personal – das ist kein Geheimnis. Wir von ohoo haben jedoch ein Projekt gefunden, das mit Erfolg dafür sorgt, dass gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte aus Venezuela zu uns kommen. Und das mit fundierten Deutsch-Kenntnissen! Dafür sorgen u.a. zwei deutsche Frauen, insbesondere Christa vor Ort in Valencia. Elke hat mit ihr gezoomt und beschreibt, wie alles funktioniert.

Als Christa auf dem Bildschirm auftaucht, ist sie mir gleich sympathisch. Und als nach kurzer Zeit, fast in einem Nebensatz, Köln auftaucht, bin ich von den Socken. Ich zoome mit einer waschechten Kölnerin in Venezuela? „Aber so was von“, sagt Christa und ich freue mich: Na, das passt ja! Bei uns am Rhein war die gelernte Erzieherin jedoch ewig nicht – denn 1984 ist sie ausgewandert nach Valencia/Venezuela.

Die Vorgeschichte

Roland Trefftz, ein Freund aus Studientagen, hatte mir von „seinem“ Venezuela-Projekt erzählt. Roland, Geschäftsführer der Klinikon GmbH, ist beruflich seit Jahrzehnten mit dem Thema Krankenhausmanagement und -beratung unterwegs.

Er kennt Lateinamerika von seiner Kindheit – in Quito geboren, lebte er die ersten 10 Lebensjahre in Ecuador, danach in Portugal und Brasilien. Und so bin ich gleich Ohr, als es um Venezuela geht. Auch wegen der aktuellen Lage natürlich. Insbesondere aber deshalb, weil Roland fast überschwänglich von den so herzlichen Menschen dort berichtet. Mit ein Grund, weshalb sich Roland so enorm engagierte, einigen sehr qualifizierten Ärzten aus Venezuela bei uns im Land einen Job zu verschaffen.

Das deutsche Gesundheitssystem hätte es so notwendig! Doch dazu später mehr. Als Erstes empfiehlt Roland mir, mit Christa zu sprechen – so vereinbaren wir einen Zoom-Termin.

Christa (Mitte) und ihre Schwiegertochter Andrea (links) zeigen gern das ganz normale Leben in Valencia – Ina Riedel freut sich darüber
Und wer ist diese Christa?

Christa wird dieses Jahr 69 Jahre alt. An ihr Berufsende ist jedoch nicht zu denken. Bereits 1984 zieht sie, mit sechsmonatigem Sohn, in ihre neue Heimat nach Venezuela, verliebt sich in die Freundlichkeit der Leute dort. Schon nach einem Jahr beginnt sie an einer Deutschen Begegnungsschule als Lehrerin zu arbeiten, ihre Ausbildung zur Lehrerin Deutsch als Fremdsprache absolvierte sie in Caracas an der Humboldt-Schule.

31 Jahre war Christa im Schuldienst tätig. Den quittierte sie, als sie beginnen konnte, als Selbständige Fremdsprachenunterricht zu geben – wieder in deutsch natürlich. Nun ganz speziell ausgerichtet auf Deutschunterricht im Bereich Medizin. Angeklopft an ihre Tür hatte ein ehemaliger deutscher Krankenhausmanager namens Dr. Holger Richter im Jahre 2018. „Ich weiß auch nicht, wie die es geschafft haben, mich dazu zu überreden“, erinnert sich Christa lächelnd.

Das macht sie bis heute:

"Ich bereite junge Ärzte und Medizinstudent*innen aus Venezuela auf die nötige B2-Sprachprüfung in deutsch vor."
Christa

Die notwendige Unterstützung für die Fachsprachkenntnisprüfungen (FSK) wiederum bekommen sie von Ina Riedel, einer weiteren deutschen Fachkraft, die ihr Wissen ebenfalls vor Ort in Venezuela in Kursen zur Verfügung stellt.

„Ina ist eine tolle Frau“, schwärmt Christa fast, denn auch sie selbst hat von Ina viel gelernt: „Ina vermittelt exakt, worauf es ankommt, so dass ich die Prüflinge bereits während der Wartezeit auf die Visa schon unterstützen kann. Ausgestattet mit so guten Sprachkenntnissen sind die Fachsprachkurse Medizin in Deutschland schneller zu bestehen“, sagt Christa.

Und wieder spüre ich: Christa ist mit Leib und Seele Lehrerin!

Warum macht das Sinn, dass sich junge Ärzte und Krankenschwester in Venezuela so vorbereiten?

Klar ist: Insbesondere deutsche Krankenhäuser außerhalb großer Metropolen stehen vor der Herausforderung, Assistenzarztstellen zu besetzen. Oder anders gesagt und nicht überraschend: Deutschland steht insgesamt vor einer signifikanten Nachfrage nach medizinischem Personal, einschließlich Ärzten.

Diese Studie des Deutschen Krankenhausinstituts, gleichzeitig eine Bestandsaufnahme der demografischen Situation der Krankenhausbeschäftigten, zeigt die enorme Lücke zwischen Bedarf und Beschäftigten.

Der Personalmangel ist enorm

Und auch dieses Foto, das ich auf Facebook bei der Deutschen Welle fand, unterstreicht, wie alarmierend der Personalmangel im Krankenhauswesen ist … Laut Studien fehlen in keiner Branche so viele Fachkräfte wie im Gesundheitswesen. Dort blieben bereits 2024 rund 46.000 Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte rechnerisch unbesetzt.

Verschärft wird das Problem durch den steigenden Gesundheitsbedarf einer alternden Bevölkerung. So prognostiziert z.B. das Robert Koch-Institut (RKI), dass der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 von derzeit 21 % auf 29 % steigen werde.

Eine Erfahrung, die auch Dr. Holger Richter bereits 2018 machte, als er – nach seiner Zeit als Geschäftsführer des Klinikums Bremerhaven – privat und aus eigenen Mitteln ein Programm initiierte, um venezuelanische Fachkräfte auf ihrem Weg nach Deutschland zu unterstützen. Unterstützt von Roland Trefftz.

Womit wir wieder bei Christa wären … für die es ab 2020 aufgrund der weltweiten Corona-Situation immer schwieriger wurde, Teilnehmer*innen zu finden, die im Projekt mitmachen wollten bzw. konnten. Zu komplex waren deren Familien- und Arbeitssituationen. Viele, die erst mitmachten, sprangen leider ab …

2021: Junge Ärzte kommen ins Spiel

Aber: Es meldeten sich ganz junge Ärzte, die Privatunterricht von Christa haben wollten. Deren finanzielle Herausforderung vor Ort: Ihr Gehalt im Öffentlichen Dienst reicht, so Christa, noch nicht einmal dafür aus, ihren Wocheneinkauf zu machen! Und, by the way, auch Christas Einkünfte sind wie sie sind: „Ich muss vier (!) Monate meine Rente sparen, um mal einen Kaffee trinken gehen zu können.“

Ina (rechts) mit Isaura und Mauricio - beide arbeiten bereits in Thüringen

Wie sieht die Situation im deutschen Gesundheitswesen heute im Jahr 2026 aus? Wir haben weiter einen gehörigen Fachkräftemangel – und für Ärztinnen und Ärzte wie Krankenpflegepersonal, egal aus welchen Ländern, gibt es dadurch zwar durchaus Chancen, freie Stellen zu besetzen. Auch zeigen Online-Jobbörsen Tausende offene Assistenzarzt-Stellen bundesweit.

Der ländliche Raum ­– nochmal härter betroffen?

Doch gerade ländliche Regionen und kleinere Städte haben im Vergleich zu Großstädten immense Schwierigkeiten, ausreichend Ärzte und medizinisches Personal zu rekrutieren – und danach auch zu halten.

Das spiegelt sich auch in den Rekrutierungs- und Anreizstrategien vieler Krankenhäuser außerhalb großer Metropolen wider, die besondere Vorteile anbieten, um Bewerber anzuziehen.

Roland Trefftz weiß aus Erfahrung, wie sehr deutsche Krankenhäuser und Fachkliniken auch 2026 kämpfen: Um gute Arbeitskräfte, die auch nach ihren Ausbildungen bleiben. Trefftz ist weiter daran interessiert, mit Kliniken in Kontakt zu kommen, seine Expertise vermittelnd miteinfließen zu lassen.

Das wäre hilfreich, das bringt uns weiter

Hilfreich wären Mitstreiter – suchende Krankenhäuser oder weitere ehrenamtliche wie professionelle Mitstreiter –, die dieses tolle Projekt für sich bzw. ihr Krankenhaus unterstützen und jungen, gut ausgebildeten Ärzten mit wirklich fundierten Deutsch-Kenntnissen eine Perspektive in Deutschland vermitteln.

Roland Trefftz macht seine Absicht deutlich: „Ich fühle mich nach wie vor sehr mit Lateinamerika verbunden, kenne die Menschen gut. Daher mein Angebot: Wenn es in einem Krankenhaus Interessierte gibt, z.B. Personalabteilungen, Chefärzte, Oberärzte oder Krankenhaus-Manager, die das für sich als eine strukturierte Alternative sehen, sind sie uns in diesem Projekt herzlich willkommen. Ich stehe gern für eine ehrenamtlichen Vermittlung direkter Kontakte zur Verfügung.“

Roland Trefftz möchte gern ehrenamtlich vermitteln, ist nach wie vor sehr mit Lateinamerika verbunden
Und wie geht es weiter?

Trefftzs Erwartung an die Kliniken ist aber auch: Diese müssten den Prozess nach erfolgreicher Kontaktvermittlung aktiv und professionell begleiten, sich kümmern. Denn so erstklassig deren Ausbildung: Ausländische Ärzte benötigen insbesondere zu Anfang eine gute Unterstützung, um schnell Fuß zu fassen.

Wir werden auf ohoo weiter berichten

Isaura vor den Thüringen-Kliniken in Saalfeld

Außerdem werde ich Euch in einem der nächsten Beiträge eine junge Ärztin aus Venezuela vorstellen, die es mit Unterstützung von Klinikon und Christa geschafft hat, in Deutschland Fuß zu fassen. Denn Isaura Sirit arbeitet seit Dezember 2024 in Saalfeld bei den Thüringen-Kliniken „Georgius Agricola“. Zunächst als Fachkraft in der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, nach erfolgreicher FSP erhielt sie einen Arbeitsvertrag als Ärztin. Isauras Facharztausbildung begann Ende 2025.

Vorweg: Sie liebt ihre Arbeit und ihr gefällt es sehr in Saalfeld – „total idyllisch, ideal für unser Leben als Familie“ sagt sie mir, als auch wir zoomen.

Über diese Erfolgsgeschichte berichten wir dann in Kürze. Achtung, auch dieser positive spirit, den Isaura umgibt, kann „ansteckend“ sein. Positiv, natürlich 🙂

Mehr über das Projekt „Venezuelanische Assistenzärzte für Ihre Klinik“ von Klinikon findet Ihr hier.

Elke Tonscheidt
Elke Tonscheidt, die selbsternannte Energiebündlerin, liebt und lebt in Köln. Neben ihrer Arbeit bei ohfamoos schreibt sie auch für andere Medien, besonders gern Porträts und Reportagen. Sie vernetzt sich gern, hat ein Start-Up mit gegründet und war einige Jahre in der politischen Kommunikation tätig.
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Dieser Beitrag wurde erstmals am 22. Februar 2026 veröffentlicht
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Die Kommentare zu “Sprache als Brücke”
  • Barbara

    Ein wesentlicher Aspekt fehlt komplett: alle gut ausgebildeten Fachkräfte, mit denen Deutschland versucht, seine hausgemachten Problem im Gesundheutswesen in den Griff zu bekommen, gehen zu Lasten der wesentlich schlechter versorgten Bevölkerung in den Herkunftsländern!!! Deutschland wirbt Fachkräfte ab, die vor Ort dringends gebraucht werden. Venezuela hat zudem derzeit genug Probleme….

    • Elke Tonscheidt

      Hallo Barbara, vielen Dank für den Kommentar. Ich nehme Ihre Aussagen natürlich ernst und habe weiter recherchiert: Meines Erachtens ist die Situation in Venezuela eine andere als bei einer klassischen „Abwerbung“. Das Land befindet sich seit Jahren in einer tiefen politischen, wirtschaftlichen und humanitären Krise; Millionen Menschen haben es verlassen, häufig als Überlebensstrategie. Auch das Gesundheitssystem ist stark beeinträchtigt – es mangelt nicht nur an Personal, sondern ebenso an Medikamenten, Geräten und grundlegender Versorgung.

      Viele der Medizinerinnen und Mediziner, die Deutsch lernen, stehen daher nicht vor der Wahl „Venezuela oder Deutschland“. Ihre reale Situation ist oft eine andere: Sie können ihren Beruf vor Ort kaum noch ausüben. Der Sprachunterricht organisiert also nicht primär eine Abwanderung – er macht eine ohnehin stattfindende Migration qualifiziert, legal und berufsgerecht.

      Gleichzeitig gilt, da gebe ich Ihnen recht: Jeder Arzt, der geht, fehlt zunächst im Herkunftsland. Doch viele Auswandernde unterstützen ihre Familien finanziell weiter und sichern damit konkret deren medizinische Versorgung und Lebensunterhalt. Das Projekt löst daher nicht die Krise Venezuelas – es reagiert auf sie und eröffnet einzelnen Menschen die Möglichkeit, ihren Beruf tatsächlich auszuüben.

      Ich werde Ihre Kritik gern in meinen weiteren Recherchen und Interview aufnehmen und bin gespannt, was Venezuelaner selbst dazu sagen werden. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, bleiben Sie gesund!!!

  • Roland Trefftz

    Liebe Elke,
    herzlichen Dank für diese tolle Reportage über die Leistung von Christa und ihren jungen ÄrztInnen. Sie sind es wert stärker bekannt gemacht zu werden.

  • Isaura Sirit

    Hallo Elke,
    das hast du sehr schön geschrieben.
    Ich möchte etwas zum ersten Kommentar hinzufügen. Du hast Recht, Barbara, Venezuela ist in gewisser Weise betroffen, aber die Gesundheitsprobleme des Landes sind sehr tiefgreifend. Ich träume davon, in Zukunft Teil der treibenden Kraft beim Wiederaufbau des Landes zu sein. Dafür werden Ärzte mit soliden Grundlagen und Erfahrungen in verschiedenen medizinischen Bereichen benötigt. Das ist das Ideal.


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