So fordern uns Kriege

vorgestern und heute

Während Sonja in Dubai unter dem Raketenbeschuss ausharrt und voller Sorge den Angriffskrieg der USA und Israel auf den Iran verfolgt, schreibt ihre Schwester Martina über eine Reise, die sie tief in die Vergangenheit führt. In Caen ist sie den Spuren ihres im Krieg verwundeten Onkels Walter gefolgt. Im Mémorial de Caen begreift sie schmerzhaft, wie nah sich Geschichte und Gegenwart kommen können. In ihrem Bericht macht Martina Ohly deutlich, wie grausam Kriege sind – und wie sehr sie damals wie heute das Leben junger Menschen zerbrechen.

In meiner Familie haben wir zwei Onkel mit Namen Walter. Die beiden sind zwei von drei Brüdern unserer Mutter. Der jüngere Onkel Walter (familienintern „der kleine Walter“) ist 1945 geboren und begleitet uns mit Humor und Großzügigkeit schon unser ganzes Leben. Sein älterer Bruder Walter (familienintern „der große Walter“) wurde am 19. Juni 1926 geboren, jedoch durften wir ihn nie kennenlernen.  Mit 17 Jahren, im Frühjahr 1944, erhielt er einen Stellungsbefehl der deutschen Wehrmacht und wurde zu der 2. Fallschirmjäger-Division in St. Lô, Normandie, Frankreich abkommandiert.

Der große Walter war immer ein unsichtbares Mitglied unserer Familie. Unsere Großeltern haben viel von den Ereignissen während des Krieges in unserem Heimatort erzählt. Beispielsweise die Geschichte, dass der große Walter mit dem Stellungsbefehl in der Tasche keine Eintrittskarte für die „Licher Lichtspiele“ (heute Kino Traumstern) lösen konnte, weil er nicht volljährig war. Erst der Protest meines Großvaters „wer an die Front muss, darf auch ins Kino gehen“ löste das Problem.

Der große Walter kam schwer verwundet, mit einem faustgroßen Loch im Rücken, aus der Normandie zurück und war im Lazarett in Fulda untergebracht. Mein Großvater besuchte ihn dort und ahnte, dass es keine Rettung für seinen Sohn gab. Walter verstarb am 25. August 1944 – zwei Monate nach seinem 18. Geburtstag, den er an der Front in Frankreich erleben musste.

Zweiter Weltkrieg
Bild der Front im Museum von Caen

Das Schicksal meines großen Onkels Walter wurde mir nochmal richtig gegenwärtig als mein eigener Sohn 18 Jahre alt wurde. Als Walter so alt war, musste meine Großmutter ihren Sohn hergeben. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit einer Mutter gegenüber einem Staat ihr Kind nicht beschützen zu können, erfasste mich damals emotional besonders. Die vielen Sonntagmorgen an denen Freddy Quinn aus dem Stereoschrank meiner Großeltern „Junge komm bald wieder“ sang, bekamen einen anderen Stellenwert. Als Teenager hatte mich Freddy Quinn nur genervt, jetzt markierte er die Ohnmacht und den unsagbaren Verlust meiner Großeltern.

Zu dieser Zeit reifte in mir die Idee genauer nachzuforschen, wie es meinem Onkel ergangen war. Da ich sowieso ein Frankreich Fan bin, lag eine Fahrt in die Normandie nahe. Durch die Pandemie musste das Vorhaben warten. Im April 2025 war es aber so weit. Meine jüngste Tochter Cara hatte Zeit, mich eine Woche lang zu begleiten. Unser Ziel war die Hauptstadt der Normandie, Caen. Von hier aus rollten wir die Geschichte der Invasion und damit auch die Geschichte meines Onkels auf.

Am ersten Tag erkundeten wir unseren Standort Caen

Am 6. Juni 1944, dem Tag der Landung der Alliierten in der Normandie bildete die Stadt Caen ein wichtiges strategisches Ziel für die Alliierten. Die Deutschen verteidigten diesen Stützpunkt mit aller Macht, sodass die von schwerer Artillerie unterstützten Kämpfe um die normannische Hauptstadt sechs Wochen andauerten.

Am 7. Juli 1944 bombardierten 450 Flugzeuge der britischen Royal Air Force die Stadt und warfen 2.600 Tonnen Bomben ab, um den Widerstand der Deutschen zu brechen. Dabei verloren allein 30.000 anglo-kanadische Soldaten und 3.000 Zivilistinnen und Zivilisten ihr Leben.

Diese Zerstörung im zweiten Weltkrieg ist der heutigen lebendigen Studentenstadt immer noch anzusehen. Die Bausubstanz der sechziger Jahre in vielen Teilen von Caen, zeugt von dem schwierigen Wiederaufbau der Stadt. Ein Glück, dass die von William dem Eroberer erbaute Festung und die von ihm und seiner Frau Mathilda von Flandern gestifteten Klöster, unversehrt blieben.

Tag 2

Am zweiten Tag beschlossen wir uns die Landungsstrände der alliierten Armeen am D-Day und die deutsche Frontbefestigung des sogenannten Atlantikwalls anzusehen. Eine Erfahrung, die uns ziemlich unvorbereitet traf. Der Geschichtsunterricht meiner Kinder und mir drehte sich im Wesentlichen immer um die Weimarer Republik, die Machtergreifung und die Vernichtung der Juden im zweiten Weltkrieg. Meine drei Kinder haben Vernichtungslager mit der Schule besucht, aber zum Kriegsverlauf und der Situation der Soldaten an der Front hat sowohl meine als auch die Generation meiner Kinder sehr wenig gelernt. Insofern erschlug uns die Authentizität des Teils des militärischen Atlantikwalls in der Normandie.

Generalfeldmarshall Erwin Rommel war von Hitler 1943 persönlich beauftragt worden, den Atlantikwall dort so stark wie möglich auszubauen, da die Möglichkeit einer alliierten Invasion nicht ignoriert werden konnte. Der Plan war 1.000 Betonbunker zu errichten, die schwerstem Artilleriebeschuss und Bomben standhielten und von 300.000 Soldaten verteidigt werden sollten.

Krieg
Bunker an der Küste der Normandie

Diese Bunker sind heute noch überall an der Küste begehbar. Die kilometerlangen Strände von Omaha, Utah und Sword Beach sind von einer Weite, die kaum fassbar ist. Die Vorstellung, dass am 6. Juni 1944 der ganze Horizont mit Schiffen und Landungsbooten besetzt war, und die deutschen Soldaten in den Bunkern diese Übermacht auf sich zukommen sahen, war für Cara und mich erschütternd. Auf der anderen Seite waren die alliierten Soldaten mit einer Strandbefestigung an der Küste konfrontiert, die neben Panzersperren mit Stolperfallen ausgerüstet waren, die meterlange Stichflammen auslösten.

Sandstrand

Tausende junge alliierte Soldaten starben deshalb bereits am ersten Tag während der Operation Overlord. Zwar hatten die alliierten Truppen strategisch drei Friedhöfe für die Invasion eingeplant. Dennoch musste bereits am ersten Tag ein zusätzliches Massengrab für über 1000 gefallene Soldaten am Omaha Beach eingerichtet werden.

Mit diesen Eindrücken beschlossen wir, am nächsten Tag nach St. Lô zu fahren. Wir hatten uns ein Bild der Umgebung gemacht und wollten nun genauer sehen, wo es den Onkel hin verschlagen hatte. Auf der Fahrt versuchten wir uns in seine Situation zu versetzen:

Ein 17-jähriger junger Mann, der außer seinem Heimatort Lich und der Kreisstadt Gießen, wo er seine Lehre absolvierte, nichts von der Welt gesehen hatte. Keine Fremdsprache – geschweige denn, französisch sprach -, allein ohne Freunde in einem fremden Land mit fremder Kultur. Immerhin waren zwei deutsche Fallschirmjäger-Divisionen in St. Lô stationiert, so dass viele Landsleute dort anzutreffen waren. Überhaupt war St. Lô ein Verkehrsknotenpunkt zur Verlegung deutscher Truppen und deshalb wichtig.

St. Lô und Lich – Gemeinsamkeiten

Beim Erkunden von St. Lô konnten wir Gemeinsamkeiten mit Lich feststellen. Beide Städte verfügen über eine eindrucksvolle mittelalterliche Stadtmauer sowie über eine große Kirche in der Mitte der Stadt. Das dürfte Onkel Walter an die Heimat erinnert haben. Damals wie heute sind Lich und St. Lô in etwa gleich groß. In der Kirche zündeten wir für den großen Walter eine Kerze an.

Lich wurde im Zweiten Weltkrieg nicht angegriffen. St Lô hingegen war nach Einschätzung der Alliierten eine Schlüsselstellung der Deutschen, darum wurde die Stadt noch in der Nacht nach der Landung, vom 6. auf den 7. Juni, von etwa 2.000 Bombern angegriffen. Der Versuch, die Bevölkerung vorher zu warnen und zum Verlassen der Stadt aufzufordern, schlug fehl, da die abgeworfenen Flugblätter vom Wind von der Stadt abgetrieben wurden.

Das Bombardement verursachte zusätzlich zu den direkten Schäden großflächige Brände und zerstörte etwa 95 % der Stadt, über 1.000 der etwa 12.000 Einwohner fanden den Tod. Die deutsche Besatzung verschanzte sich in den Ruinen. Dennoch dauerte der Kampf um St. Lô zwei Wochen. Ab 11. Juli 1944 rückten US Infanterie Einheiten massiv vor und das deutsche Fallschirmjäger-Regiment 14 erlitt schwere Verluste. Am 18. Juli 1944 räumten die deutschen Truppen St. Lô.

Nach unseren Recherchen ist der Kampf um St. Lô der Zeitraum, in dem die größte Wahrscheinlichkeit für die lebensgefährliche Verwundung unseres Onkels bestand. Wenn man sich jedoch die Zerstörung der Stadt anschaut, muss man sich fragen, wie ein Soldat, der so schwer verletzt war, bis nach Fulda ins Lazarett transportiert werden konnte.

Kirche
Die Kirche von St. Lô

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krieg
St. Lô nach der Zerstörung

Museum „Le Mèmorial de Caen“

Diese Frage konnten wir am nächsten Tag beim Besuch des Museums „Le Mèmorial de Caen“ klären. Hier sind äußerst detailliert alle Geschehnisse um die Invasion, dem D-Day und der Operation Overlord festgehalten und vorurteilsfrei dokumentiert. Der Museumsbesuch nahm einen ganzen Tag in Anspruch.

Caen

Wir mussten mehrere Pausen einlegen und frische Luft schnappen gehen, angesichts der Lawine von Informationen, die uns überrollte und emotional extrem forderte.

Ich erinnere mich an eine Unterhaltung mit Cara in einer dieser Frischluftpausen. Wir sprachen über den damals neuen Bundeskanzler Merz der jüngst das Wort „Kriegstüchtigkeit“ in die politische Debatte geworfen hatte. Angesichts der historischen Tatsachen, mit denen wir konfrontiert waren, erscheint dieser Gedanke an Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit auch heute noch geradezu grotesk.

Das Rommel den Atlantikwall in der Normandie strategisch bestens konzipiert und befestigt hatte, zeigten uns die Pläne im Museum.

Karte Abwehr

So wurde für uns nachvollziehbar, wie Onkel Walter höchstwahrscheinlich mit dem Zug nach Fulda transportiert wurde. Angesichts unserer Fahrzeit mit dem Pkw von 10 Stunden, erscheint es uns wie ein Wunder, dass Walter das Lazarett lebend erreichte und mein Großvater dem leidenschaftlichen Schwimmer ein Stahlkorsett für seinen verwundeten Rücken versprach. Wohl wissend, dass es keine Rettung für seinen Sohn geben würde.

Meine Mutter (86 Jahre) spricht gerne über ihren 12 Jahre älteren Bruder. Er hat sie oft eingehütet und war in ihrer Erinnerung immer fröhlich, gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt. Von seiner Beerdigung im heißen August 1944 erzählt sie mit Tränen in den Augen. Als Fünfjährige hatte sie an diesem traurigen Tag ihr bestes Kleid an.

Gedenken an…

Alle Gedenkstätten in Frankreich, die im Zusammenhang mit dem D-Day 1944 stehen, die zahlreichen Stelen, Gedenktafeln und Monumente sind in sehr gepflegtem Zustand. Das gilt auch für die Friedhöfe und Denkmäler für die unbekannten Soldaten.

In Lich gibt es eine Sektion auf dem alten Friedhof – der sog. Heldenfriedhof – auf dem die Söhne der Stadt, die ihr Leben im zweiten Weltkrieg ließen, beerdigt wurden. Hier ist auch das Grab von Onkel Walter. Leider ist der Teil des Friedhofes keineswegs in einem gepflegten Zustand, trotz öffentlicher finanzieller Mittel, die den Kommunen zur Pflege dieser Kriegsopferstätten zufließen.

Friedhof
Der Ort des ersten amerikanischen Friedhofs in der Normandie
Grabstein von Walter Kübler auf dem Heldenfriedhof in Lich

Was können wir daraus lernen?

Ein Bericht, der betroffen macht, oder? Ja, er beleuchtet das Gestern, das in 1. Linie. Doch spielen solche Erinnerungen auch in einer Welt, in der wir uns im JETZT befinden, eine große Rolle. Sie machen uns bewusst, welches Leid Kriege immer auslösen, verursachen, und über Generationen mit sich ziehen. Leider haben viele von uns Leserinnen und Lesern keine Großeltern mehr, die berichten können. Umso dankbarer sind wir von ohfamoos, Berichte wie diesen von Martina Ohly bringen zu können. Danke!

Martina Ohly

Martina Ohly ist Referentin für Personal und Organisation und seit 1994 selbständige Unternehmerin, Coach und systemische Beraterin in ihrem Büro für Berufsstrategie. Mit ihren 3 Kindern und Freunden reist sie schon immer gerne im europäischen Ausland und organisiert mindestens einmal im Jahr eine „Voyage culturelle“ in Frankreich. Ihre Überzeugung, dass „reisen mehr bildet als jedes Schulprogramm“ hat sich über die Jahre bewahrheitet. Martina engagiert sich kommunalpolitisch in einer unabhängigen Wählergruppe und bei UN-Women.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 7. März 2026 veröffentlicht
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