Kerala

oder auch "Gottes eigenes Land"

Mit dem Auto nach Indien zu reisen, ist ein Abenteuer, das Freiheit, Entdeckergeist und eine ordentliche Portion Mut vereint. Wer sich auf diese epische Fahrt einlässt, erlebt nicht nur eine Reise über Kontinente, sondern auch eine tiefgreifende Begegnung mit der eigenen Ausdauer und Neugier. Im heutigen Tagebucheintrag von Volker Raddatz erreichen unsere Abenteurer Kerala. Die Region wird wegen ihrer grünen Landschaften, hohen Kokospalmen und Gewürzplantagen auch „Gottes eigenes Land“ genannt.

Maravantha, 4. Januar 2005

Wir fahren Richtung Süden durch weitgehend kultivierte Agrarlandschaft. Geradezu bilderbuchartig bzw. dem Reiseprospekt entnommen erscheint eine Szene, die für Inder den landwirtschaftlichen Alltag widerspiegelt, für uns dagegen einen ausgesprochenen Glücksfall darstellt – wir beobachten am Wegesrand die einzelnen Etappen des Reisanbaus: (1) Wässern (2) Pflügen (3) Glätten (4) Düngen 5) Setzen. Mensch und Tier arbeiten gemeinsam: wir sehen doppelte Ochsengespanne, die von einem Treiber mit ständigen Zurufen angetrieben werden und dabei immer engere bzw. weitere Kreise beschreiben. Gleichzeitig – in anderen, bereits gepflügten Feldern – sind Frauen mit bunten Saris dabei, die zarten grünen Reispflanzen zu setzen.

Auch sonst hat die Landschaft einiges zu bieten: mehrfach überqueren wir breite Meeresarme, deren träge Fluten von malerischen Ufern (Kokospalmen bis zum Abwinken) gesäumt werden. Angesichts vergangener Beobachtungen fällt uns die Sauberkeit der Region Goa auf. Dies gilt auch für den angrenzenden Staat Karnathaka, dessen Grenze wir nach Erledigung des üblichen Papierkrams mit guten Wünschen passieren. In Karnathaka fällt uns auf, dass bei vielen Hinweisschildern neben Hindi (und Englisch) eine weitere Sprache in Erscheinung tritt, die nicht – wie Hindi – ihre Buchstaben an einem horizontalen „Balken“ aufhängt, sondern in einzelnen „Kringeln“ daherkommt: Malayalam. Außerdem weisen uns unsere Frauen darauf hin, dass die einheimischen Männer kurze, rockartige Beinkleider tragen (Bewegungsfreiheit, Hitze?).

Ferner bemerken wir (was bereits in Goa auffiel) die vergleichsweise Häufigkeit christlicher Kirchen und Friedhöfe. Im Laufe des Tages beobachten wir in einzelnen Ortschaften eine ausgesprochene Moslem-Dominanz (Moscheen, lange weiße Gewänder, bärtige Männer, verschleierte Frauen, arabische bzw. Urdu-Schriftzeichen an Geschäften und öffentlichen Gebäuden). Lastwagen tragen – wie ehedem in der Türkei – gelegentlich die Aufschrift Massalah, und mehrmals ziert sogar der Hinweis auf Jesus Christus die Fahrerkabine eines Lkw.

Am frühen Nachmittag haben wir Glück und finden im Turtle Bay Resort eine sehr schöne Unterkunft im Bungalowstil, direkte Strandlage, open-air-Restaurant. Natürlich essen wir wieder frischen Fisch. Um die Mücken fernzuhalten, werden brennende coils in die Zimmer gestellt. Inzwischen ist es dunkel (ich sitze unter einer Laterne) und nicht mehr so heiß (höchste Innentemperatur im Bus: 35° C). Das Meer rauscht, und wir sind gesund!

  • In den letzten Nächten schliefen wir auf Karpok-Matratzen (Füllung: Pflanzenfasern). Achtung: Karpok nicht zu verwechseln mit Charpoy, dem Bettgestell.
  • Kurz vor Sonnenuntergang sehen wir, wie die Fischer in der Nachbarschaft ihre Netze zur nächtlichen Ausfahrt klarieren.
Indien und Retour, Kerala

Tellichery, 5. Januar 2005

Heute treffen wir zum ersten Mal in Indien einen deutschen Touristen mit Familie, der im eigenen Wagen (umgebauter Lkw) von Bayern aus ein Jahr lang unterwegs ist und auch die mörderische Pakistan-Route (Ziarat, Loralai) hinter sich gebracht hat. Wie schon in den vergangenen Tagen fahren wir durch eine üppige, satt-grüne Landschaft und überqueren mehrmals breite Meeresarme mit Ausblick auf postkartenreife Sandstrände – geradewegs aus dem Urlaubsprospekt. Die Temperaturen sind schon bald nach Sonnenaufgang auf 35° C im Bus gestiegen, während das Außenthermometer am frühen Nachmittag bei über 50° C seinen Anschlag erreicht hat (Sonnenseite).

Erneut überschreiten wir eine Grenze: diesmal von Karnathaka nach Kerala, jenem Bundesstaat mit einem Mix aus Hindus, Moslems und Christen. Dementsprechend sehen wir so viele Moscheen (auch große) wie lange nicht mehr, dazu arabische Schriftzeichen, aber auch christliche Schulen und Kirchen. Ein Lkw trägt die Aufschrift Our Lady, ein anderer Ave Maria. Die Menschen sind dunkelhäutig und relativ kleinwüchsig. Trotz vieler Zeichen von Sympathie uns gegenüber können wir die heutige Fahrt nicht so recht genießen: zu groß ist die Anspannung angesichts des chaotischen Straßenverkehrs, der alles bietet, was sich die böse Phantasie nur vorstellen kann: Raserei, waghalsige Überholmanöver, Quereinsteiger, Auskosten der eigenen Stärke gegenüber Schwächeren (wie z.B. Fußgängern, Radfahrern und Motorradfahrern, die allerdings ihrerseits auch zum Harakiri-Fahren neigen) – das alles bei größter Gelassenheit und fast immer in einer Atmosphäre kindlicher Heiterkeit, die selbst nach einer filmreifen Stunt-Nummer (Überholen des Überholenden) ein freundliches Gesicht und eine kollegiale Geste („sorry, Kumpel“) bewahrt.

Dies ist die raue Wirklichkeit des indischen Autoverkehrs, dessen methodischer Wahnsinn durch regierungsamtliche Mahnungen wie Speed thrills, but it kills nur noch deutlicher zum Ausdruck kommt: die Szenen an Bahnübergängen zeigen Indien jedenfalls nicht als kollektive Solidargemeinschaft (die wir durchaus kennengelernt haben), sondern als rücksichtslose Ellenbogengesellschaft vor dem Hintergrund des täglichen Überlebenskampfes.

  • Den ganzen Tag über sehen wir riesige Teakholz-Lager am Wegesrand.
  • Am Strand (zwischen Palmen und Sand) beobachten wir dicke Mungos – angesichts der Schlangenvielfalt hierzulande ein beruhigender Anblick.Tellychery Kerala

Kochin, 6. Januar 2005

Unverändert groß ist das Entsetzen über den chaotischen Verkehr, der uns praktisch jeden Tag immer wieder in Atem hält. Manchmal wissen wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollen: als heute ein Pkw an einer engen Brückenauffahrt ganz seelenruhig parkt, knickt ein vorbeikommender Polizist den rechten Außenspiegel einfach ab, „amtlich“ sozusagen. Im Übrigen zeigt sich Kerala jeden Tag als traditioneller Schauplatz kommunistischer Ideen: überall sehen wir die roten Sowjetfahnen mit Hammer und Sichel. Abseits der verkehrsreichen Dörfer und Städte präsentiert sich Indien auch wieder von seiner sehenswerten Seite: wiederum überqueren wir malerische Meereseinschnitte und bemerken heute auf jeder Brücke, dass auf beiden Seiten riesige „chinesische“ Fischernetze hängen, meist in der Luft, einmal im Wasser. Auch Flöße mit dicken Baumstämmen werden gesichtet. Den Übernachtungsplatz finden wir in Fort Kochin, in der Nähe verschiedener Sehenswürdigkeiten, die wir morgen in Angriff nehmen werden.

  • Angesichts des Verkehrsgewimmels und der Umweltbelastung leisten staatliche

Einrichtungen mit pädagogisch-ökologischem Auftrag eine wahre Sisyphus-Arbeit. Heute sehen wir zahlreiche Werbeplakate des Indian Institute for Road Safety und des Pollution Control Institute.

Kochin, 7. Januar 2005

Heute Morgen besuchen wir das jüdische Viertel von Kochin. Die Synagoge (leider geschlossen) wurde 1568 von den Nachfahren spanischer und holländischer Juden erbaut; der Uhrenturm kam 1760 dazu.Dann fahren wir mit der Fähre über die Insel Willingdon ca. 30 Minuten bei frischer Brise nach Ernakulam und von dort weiter auf die Insel Bolgatty, wo wir den Blick aufs Wasser genießen und indische Familien beim Tagesausflug beobachten.

Kerala Schiff

Bei der Rückfahrt trauen wir unseren Augen nicht: im Hafen von Kochin liegt ein Schiff der deutschen Kriegsmarine, ein Versorgungsschiff (mit dem Berliner Bärenwappen am Bug), das wohl im Zusammenhang mit der Tsunami-Katastrophe nach Indien gekommen ist.

Eine kleine Episode während der Überfahrt: ein indischer Fahrgast beschwert sich lautstark minutenlang über die Unpünktlichkeit der Fähre – und das in Indien!

Nach der Ankunft in Fort Kochin besuchen wir den Standort der chinesischen Fischernetze und beobachten das anstrengende Auslegen und Einholen der riesigen Netze – direkt daneben wird der fangfrische Fisch (viele Sorten, alle Größen ab Sardine aufwärts) verkauft und in benachbarten Restaurants zubereitet.

Anschließend bummeln wir durch die Gassen von Fort Kochin und erfreuen uns an den bunt bemalten Häusern portugiesischer Herkunft, erschrecken aber auch über den ständigen Müll, der jede dauerhafte Schönheit (z.B. am Strand) beeinträchtigt. Mittelpunkt kolonialer Bauten ist die Kirche St. Francis (1516), die erste und größte europäische Kirche (nicht katholisch) auf indischem Boden. Vasco da Gama wurde hier beerdigt, später aber nach Portugal gebracht. Nicht weit entfernt sehen wir eine syrisch-orthodoxe Kirche.

Wir essen Fisch, und ich bekomme mein bestelltes Bier in einer Teekanne serviert, weil das Restaurant keine Alkohol-Lizenz besitzt. Auch das ist Indien …

Kirche Kerala

Prof. Dr. Volker Raddatz ist emeritierter Professor für Fachdidaktik Englisch an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Fremdsprachendidaktik und hat sich über Jahrzehnte hinweg für die Verbindung von Theorie und Praxis im Englischunterricht eingesetzt.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen im interkulturellen Lernen, in der postkolonialen Literatur- und Kulturvermittlung sowie in English for Specific Purposes (ESP). Dabei legte er großen Wert auf einen Unterricht, der sprachliche, kulturelle und gesellschaftliche Aspekte miteinander verknüpft.

Raddatz veröffentlichte zahlreiche Fachbeiträge und war Herausgeber wissenschaftlicher Sammelbände, darunter Innovationen im Fremdsprachenunterricht (Band 1: Offene Formen und Frühbeginn). Neben seiner akademischen Tätigkeit engagierte er sich in der Lehrerbildung und in internationalen Projekten zum Fremdsprachenlernen.

Mehr Info zum Tagebuch

Wir veröffentlichen in regelmäßigen Abständen die Etappen dieses Reiseberichts „Einmal Indien und Retour“

Wie es zu dieser außergewöhnlichen Reise kam und was die Abenteurer sich vorgenommen haben, erfährst Du in dieser Übersicht. In unserer Rubrik Reisen, findest Du alle weiteren Etappen. Viel Freude beim Lesen und stöbern.

Sonja Ohly
Sonja Ohly
Sonja ist die schreibende Nomadin und Chefin vom Dienst bei ohfamoos. Die begeisterte Taucherin ist auf der ganzen Welt unterwegs und beschreibt gerne als Reiseblogger ihre Destinationen. Ebenfalls großes Interesse zeigt sie für Politik und engagiert sich als PR Tante probono für eine Demokratische Bürgerliste und den Sportverein in ihrer Heimatkommune.
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Dieser Beitrag wurde erstmals am 10. August 2025 veröffentlicht
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