Widerstand durch Sprache
Reden wir über die Weiße Rose und deren Botschaften
Bekannt ist: Das nationalsozialistische Regime unter Adolf Hitler festigte seine Macht mit Gewalt, Kontrolle und Propaganda. Junge Studierende wählten einen anderen Weg des Widerstands: das Wort. Ihre Sprache wurde zum moralischen Spiegel, eins ihrer Flugblätter trug die klare Botschaft: Schweigen bedeutet Mitschuld. Was Jacqueline Schäfer darüber hinaus zum Thema Weiße Rose zusammenträgt, ist vielleicht nicht ganz überraschend. Es passt jedoch hervorragend zu unserer Kampagne „Reden wir darüber“. Elke hat Jacqueline dazu interviewt.
Zunächst zum Hintergrund: Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose, darunter Hans Scholl und Sophie Scholl, verfassten zwischen 1942 und 1943 Flugblätter, die heimlich verbreitet wurden. Ihre Texte waren mehr als nur Protest – sie sollten aufklären, wachrütteln und zu moralischer Verantwortung aufrufen. Bis heute gelten sie als eindrucksvolle Zeugnisse sprachlichen und geistigen Widerstands.
Interview mit Jacqueline Schäfer
Elke: Der Widerstand der studentischen Gruppe Weiße Rose gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür, wie Sprache zu einem politischen Instrument werden kann. Warum?
Jacqueline Schäfer: „Während das nationalsozialistische Regime unter Adolf Hitler seine Macht mit Gewalt, Kontrolle und Propaganda stabilisierte, entschieden sich junge Studierende, darunter Hans Scholl und Sophie Scholl, für eine andere Form des Widerstands: das geschriebene Wort. Zwischen 1942 und 1943 verfassten sie sieben Flugblätter, die heimlich vervielfältigt und verschickt wurden. Diese Texte sind nicht nur historische Dokumente des Widerstands, sondern zugleich beeindruckende Beispiele politischer Sprache, die aufklären, wachrütteln und moralische Verantwortung einfordern sollte.“
Die Weiße Rose wurde so zu einem, Du sagst selbst, „Gegenmittel“ zur systematischen Verführung der Öffentlichkeit …
„Ja, das ist exakt so – gerade in einer Diktatur, in der Worte gezielt manipuliert wurden. Bereits das erste Flugblatt der Weißen Rose zeigt diese Haltung deutlich. Die Autorinnen und Autoren appellieren direkt an das Gewissen der Leserinnen und Leser und formulieren einen moralischen Vorwurf gegen die Passivität der Gesellschaft. Berühmt ist der Satz: „Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Triebkraft regieren zu lassen.“
Welche Bedeutung misst Du genau diesem Satz zu?
„In diesen Worten wird Sprache zum moralischen Spiegel. Das Flugblatt stellt nicht nur das Regime infrage, sondern fordert die Bevölkerung dazu auf, ihre eigene Rolle zu reflektieren. Die Botschaft ist klar: Schweigen bedeutet Mitschuld. Auch im zweiten Flugblatt wird dieser Ton weitergeführt. Hier werden die Verbrechen des Regimes deutlicher benannt, und die Autorinnen und Autoren schreiben: „Seit der Eroberung Polens sind dreihunderttausend Juden in diesem Lande auf bestialischste Weise ermordet worden.“
Wenn man bedenkt, wie viele Menschen noch heute meinen, man habe damals nichts gewusst, ist das mehr als erschreckend.
„Absolut. Diese Worte sprechen eine Wahrheit aus, die im damaligen Deutschland systematisch verschwiegen wurde. Sprache wird hier zur Anklage – und zugleich zur Aufklärung. Im dritten und vierten Flugblatt wird der Ton politischer und programmatischer. Die Gruppe beschränkt sich nicht mehr nur auf moralische Kritik, sondern formuliert konkrete Vorstellungen für eine andere politische Ordnung.“
Geht es dabei auch darum, andere Menschen mitzuziehen, dass sie aufwachen und mitmachen?
„Ja, und Freiheit wird dabei als grundlegender Wert herausgestellt. Besonders eindringlich ist der Satz: „Der Name Deutschlands bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht.“ Die Worte richten sich bewusst an eine junge Generation, die die Verantwortung für die Zukunft des Landes übernehmen soll. Hier zeigt sich eine rhetorische Strategie, die für alle Flugblätter typisch ist: Die Texte sprechen ihre Leserinnen und Leser direkt an und versuchen, sie als handelnde Subjekte zu aktivieren. Sprache soll nicht nur informieren, sondern zum Handeln bewegen.“
Es heißt, die Geschwister Scholl und ihre Bewegung hätten damals auch schon eine europäische Vision gehabt, stimmt das?
„Diese bemerkenswerte Weitsicht zeigt sich besonders im fünften Flugblatt, ja. Während der Krieg noch in vollem Gange war, entwarf die Weiße Rose bereits Vorstellungen für ein neues politisches Europa nach dem Ende der Diktatur. Die Autorinnen und Autoren schreiben: „Der kommende Staat kann nur föderativ aufgebaut sein; nur eine gesunde föderative Ordnung kann das geschwächte Europa wieder mit neuem Leben erfüllen.“ Diese Worte sind erstaunlich vorausschauend …“
… weil sie zeigen, dass der Widerstand über die gegenwärtige Situation hinausging?
„So ist das. Sie zeigen, dass der Widerstand der Weißen Rose nicht nur gegen das nationalsozialistische Regime gerichtet war, sondern auch eine Vision für eine zukünftige politische Ordnung enthielt. Die Idee eines föderalen, friedlichen Europas steht in starkem Kontrast zur nationalistischen Ideologie des Nationalsozialismus. In gewisser Weise antizipieren diese Gedanken spätere Entwicklungen der europäischen Integration.“
Kannst Du noch ein bisschen stärker auf die Sprache eingehen, denn bei ohfamoos läuft ja gerade die Kampagne „Reden wir darüber“ …
„Gerne, denn das zeigt sich auch gut im sechsten Flugblatt. Es richtet sich direkt an Studierende, trägt die Überschrift „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“ und reagiert auf die Niederlage der deutschen Armee in der Schlacht von Stalingrad. Die Niederlage wird als Wendepunkt interpretiert und als Zeichen dafür, dass das Regime nicht unbesiegbar ist. Besonders eindringlich formuliert der Text: „Der Tag der Abrechnung ist gekommen.“ Die Sprache wird hier emotionaler und dringlicher. Sie verbindet politische Analyse mit einem leidenschaftlichen Appell an Mut und Verantwortung. Dieses Flugblatt wurde später von den Alliierten millionenfach über Deutschland abgeworfen und erreichte so eine viel größere Öffentlichkeit als ursprünglich geplant.“
Trotz und wegen dieses unglaublichen Engagements für die Freiheit, wurde die Gruppe verhaftet und zum Tode verurteilt. Meine Schule trug den Namen „Geschister Scholl Gymnasium“, wir haben damals viel darüber gelernt …
„Das kann man auch heute noch, finde ich. Das siebte Flugblatt entstand kurz vor der Verhaftung der Gruppe. Neben Hans und Sophie Scholl war auch Christoph Probst daran beteiligt. Am 18. Februar 1943 verteilten Hans und Sophie Scholl Flugblätter in der Ludwig-Maximilians-Universität München, wurden entdeckt und festgenommen. Vier Tage später verurteilte der Präsident des sogenannten Volksgerichtshofes, Roland Freisler, sie zum Tode. Trotz dieser brutalen Repression überlebten ihre Worte. Die Flugblätter wurden nach dem Krieg weltweit verbreitet und gelten heute als eines der wichtigsten Zeugnisse des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.“
Was macht die Sprache in den Flugblättern so gewaltig, dass sie bis heute wirken?
„Ein genauer Blick auf die Flugblätter zeigt, dass ihre Wirkung nicht nur aus dem Mut ihrer Autorinnen und Autoren resultiert, sondern auch aus ihren rhetorischen Strategien. Die Texte verbinden philosophische Reflexion mit moralischem Appell und politischer Analyse. Häufig greifen sie auf Zitate aus Literatur und Philosophie zurück.“
Hast Du dafür Beispiele?
„Zitiert wurden etwa Goethe oder Aristoteles, um Argumente zu unterstützen. Dadurch positionieren sie ihren Widerstand bewusst in der Tradition europäischer Bildung und Humanität. Gleichzeitig arbeiten die Texte mit starken rhetorischen Fragen und direkten Anreden, die die Leserinnen und Leser persönlich einbeziehen. Auch Kontraste spielen eine wichtige Rolle: Die Autoren stellen die Würde des Menschen der Brutalität des Regimes gegenüber, Freiheit der Tyrannei, Wahrheit der Propaganda. Diese Kontraste schärfen die moralische Klarheit der Argumentation und machen die Texte eindringlich. Besonders wichtig ist zudem der bewusste Gebrauch von Begriffen wie „Freiheit“, „Gewissen“ und „Verantwortung“. Während die nationalsozialistische Propaganda Sprache zur Manipulation nutzte, versucht die Weiße Rose, Sprache als Instrument der Aufklärung zu verwenden.“
Würdest Du meinen, dass sie heute noch als Vorbilder taugen?
„Heute mehr denn je! Gerade deshalb bleibt die Geschichte der Weißen Rose auch für die Gegenwart bedeutsam. Sprache besitzt weiterhin die Macht, Menschen zu beeinflussen, zu mobilisieren oder zu manipulieren. Politische Propaganda, populistische Parolen oder gezielte Desinformation zeigen, wie leicht Worte dazu verwendet werden können, Wirklichkeit zu verzerren. Doch die Flugblätter der Weißen Rose erinnern daran, dass Sprache auch ein Werkzeug des Widerstands sein kann.“
Die Geschichte der Weißen Rose taugt heute mehr denn ja als Vorbild!
Können Worte Wahrheit verteidigen? Lohnt es sich immer wieder zu reden, aber vor allem auch zuzuhören?
„Ja. Die Flugblätter zeigen, dass Worte Menschen zum Nachdenken bringen, moralische Verantwortung wecken und politische Visionen formulieren können. Die Mitglieder der Weißen Rose glaubten daran, dass ein einzelnes Flugblatt Gedanken verändern kann – und damit letztlich auch die Zukunft. In einer Zeit der Diktatur wagten sie es, gegen eine allgegenwärtige Propaganda anzuschreiben. Ihre Texte sind deshalb nicht nur Dokumente historischen Mutes, sondern auch ein bleibendes Beispiel dafür, wie Worte Wahrheit verteidigen können.“
Spannend ist, dass die Geschwister Scholl selbst eine krasse Wandlung durchgemacht haben …
„Stimmt. Die Geschichte der Geschwister Scholl erinnert gleichzeitig daran, dass moralische Klarheit nicht immer von Anfang an vorhanden ist. Hans Scholl und Sophie Scholl waren in ihrer Jugend zunächst selbst Teil der nationalsozialistischen Jugendorganisationen. Hans engagierte sich in der Hitlerjugend, Sophie im Bund Deutscher Mädel. Erst durch persönliche Erfahrungen, Begegnungen mit kritischen Freunden, religiöse und philosophische Lektüre sowie durch die Konfrontation mit den Verbrechen des Regimes vollzog sich bei ihnen ein grundlegendes Umdenken.“
Warum ist das so bedeutsam auch für unsere heutige Zeit?
„Weil dieser Wandel, also ihr Beispiel eines besonders eindrucksvoll zeigt: Menschen können ihre Überzeugungen hinterfragen und verändern – selbst in einem Umfeld, das stark von Ideologie geprägt ist. Die Geschichte der Geschwister Scholl erinnert deshalb daran, dass es nie zu spät ist, Propaganda zu durchschauen, Verantwortung zu übernehmen und sich für Freiheit und Menschlichkeit einzusetzen.“
Vielen Dank, Jacqueline, für dieses intensive Interview!
Die (wieder) in Bonn lebende Jacqueline Schäfer ist freie Autorin, Ghostwriterin und Kommunikationsberaterin (Medientraining, Krisen- und Führungskräftekommunikation), zudem Beirätin von Horizonte 2030 – Forum für den interkulturellen Dialog (HRZTE). Die ehemalige Journalistin bringt langjährige Erfahrung aus Medien- und Beratungsprojekten in ihre Arbeit ein (www.mietautor.de). Jacqueline Schäfer, die sich in Bonn ihren Traum von einem politisch-literarischen Salon erfüllt hat, war Präsidentin des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS). Für ohfamoos schrieb sie u.a. auch diesen Beitrag über den Siegeszug der Softskills.
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