Weibliche Macht neu denken

– und endlich darüber reden

Was passiert, wenn wir Macht nicht länger nur als Lautstärke, Durchsetzung oder Dominanz begreifen? Wenn wir aufhören, Frauen zu erklären, sie müssten sich nur „mehr zutrauen“ sondern stattdessen das ganze System hinterfragen? Sonja hat das Buch „Weibliche Macht neu denken“ von Eva Thöne rezensiert und liefert einen weiteren Beitrag zu unserer Kampagne ‚Reden wir darüber‘.

Meine Nichten bringen mich oft zum Nachdenken. Meistens zum Thema Frauen in unserer Gesellschaft. Den ersten Anstoß lieferte Cara mit ihrer Bachelorarbeit Titel: Barbieland und das Patriarchat: Von der matriarchalen Utopie zur gesellschaftlichen Realität.

Cara beschreibt in ihrer Arbeit, dass Filme nicht nur zeigen, wie unsere Gesellschaft funktioniert – sie prägen auch, wie wir über Macht und Geschlechterrollen denken. Gerade deshalb ist Greta Gerwigs Film Barbie (2023) so spannend: Barbieland wirkt zunächst wie ein feministisches Utopia, in dem Frauen das Sagen haben und Männer am Rand stehen. Doch der Film belässt es nicht bei dieser Umkehrung. Stattdessen macht er sichtbar, dass auch eine scheinbar gerechte Gegenwelt blinde Flecken hat und dass echte Veränderung mehr braucht als nur neue Gesichter an der Spitze.

Cara studiert Kunst, Musik und Medien und ihre Bachelorarbeit fokussiert sich auf die feministische Filmtheorie. Aha, denke ich, feministische Filmtheorie. Spannend. Aber was gibt es denn noch zu diesem spannenden Thema? Ich stoße auf das Buch Weibliche Macht neu denken von Eva Thöne, die übrigens ebenfalls Filmwissenschaft studiert hat.

weibliche Macht neu denken

Macht ist nicht neutral

Ein zentrales Argument ihres Buches: Unser gesellschaftlicher Machtbegriff ist historisch männlich geprägt. Macht bedeutet meist Hierarchie, Konkurrenz, Kontrolle. Wer sich darin nicht wiederfindet oder anders handelt, gilt schnell als „nicht machtvoll genug“.

Das Problem daran ist aber nicht, dass Frauen zu wenig Macht wollen, sondern dass viele Formen von Einfluss, Beziehungsgestaltung und Verantwortung gar nicht erst als Macht anerkannt werden. Thöne fordert keine Anpassung von Frauen an bestehende Spielregeln, sondern eine grundlegende Neubewertung dessen, was Macht überhaupt sein kann.

Ein wichtiger Punkt: Thöne warnt davor, Macht nur als „schmutzig“ oder „unfeministisch“ abzulehnen.

Wer Macht nicht will oder nicht neu definiert, überlässt sie anderen!

Warum „mehr Frauen an die Spitze“ nicht reicht

Besonders überzeugend ist Thönes Abgrenzung vom sogenannten Girlboss- oder Lean-In-Feminismus. Einzelne Frauen in Führungspositionen verändern noch keine Strukturen. Oft stabilisieren sie diese sogar, wenn sie gezwungen sind, nach derselben Logik zu funktionieren wie zuvor ihre männlichen Vorgänger.

Die Kritik an Lean-In-Logiken und individueller Erfolgsfixierung ist einer der überzeugendsten Teile des Buches. Thöne zeigt, dass individuelle Aufstiege einzelner Frauen nicht automatisch kollektive Machtverschiebungen erzeugen. Das ist wichtig, weil es den Fokus wieder auf Politik statt Lifestyle-Feminismus legt.

Das Buch stellt daher eine unbequeme, aber notwendige Frage:

Was bringt es, Frauen in ein System zu integrieren, das auf Ausschluss, Überlastung und Konkurrenz basiert?

Diese Frage passt so gut zu unserer Kampagne „Reden wir darüber“. Denn echte Veränderung beginnt nicht mit Hochglanz-Erfolgsgeschichten, sondern mit ehrlichen Gesprächen über Macht, Abhängigkeit, Privilegien und Grenzen.

Unsichtbare Macht sichtbar machen

Thöne lenkt den Blick auf Machtformen, die gesellschaftlich sehr oft übersehen oder abgewertet werden:

  • Sorgearbeit
  • Beziehungsarbeit
  • kollektives Handeln
  • Vermittlung und Aushandlung

Diese Formen halten unsere Gesellschaft am Laufen, werden aber selten politisch ernst genommen oder gerecht verteilt. Das Buch macht deutlich: Solange wir diese Arbeit nicht als Macht begreifen, bleibt Gleichberechtigung eine leere Hülle.

Thöne stellt dem klassischen „starken Individuum“ eine andere Idee entgegen: Macht als geteilte Ressource, Macht, die wächst, wenn sie weitergegeben wird. Politische Veränderung durch Bündnisse, nicht durch Einzelne. Das ist ganz bewusst ein Gegenentwurf zu den neoliberalen „Girlboss“-Narrativen.

 

Sonja, Nassim und Renate. Soroptimistinnen in Dubai, die sich für die Rechte von Mädchen und Frauen in der Welt einsetzen.

Zurück zu Caras Bachelorarbeit

Auch Barbie liefert einen überraschend passenden Kommentar zu Eva Thönes Überlegungen. Barbieland erscheint zunächst als feministisches Utopia: Frauen haben die Macht, besetzen alle relevanten Positionen, die Welt wirkt gerecht. Doch schnell wird klar, dass hier vor allem eines passiert ist – eine Rollenvertauschung, keine Neuerfindung von Macht. Die Strukturen bleiben hierarchisch, ausschließend und fragil. Als Ken das Patriarchat entdeckt und Barbieland kippt, zeigt der Film drastisch, wie instabil Macht ist, wenn sie nicht reflektiert, geteilt oder neu gedacht wird.

Wir lernen: Es reicht nicht, Frauen an die Spitze zu setzen, wenn die Spielregeln gleich bleiben. Barbie macht sichtbar, was Thöne theoretisch analysiert. Warum Barbie und Weibliche Macht neu denken für „Reden wir darüber“ wichtig sind:

Der Film macht etwas, das Sachbücher oft nicht können:
Er bringt Machtfragen in die Popkultur – niedrigschwellig, emotional und massentauglich.

Das Buch sagt: Feminismus ist nicht „Frauen an die Macht“, es ist kein Ratgeber zu „Wie werde ich Chefin“. Thöne fordert, dass wir nicht nur darüber reden, wer oben sitzt, sondern darüber nachdenken, wie oben überhaupt funktioniert.

Reden wir darüber

 

 

Zum Buch

  • Titel: Weibliche Macht neu denken
  • Autorin: Eva Thöne
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Erscheinungsdatum: 16. September 2025
  • Sprache: Deutsch
  • Umfang: ca. 240 Seiten
  • ISBN: 978-3-446-28302-2 (Buchhandlung Schneider-Jung)

Eva Thöne (geb. 1986) ist eine deutsche Journalistin und leitet das Kulturressort der Spiegel-Redaktion. Sie hat Publizistik, Politik- und Filmwissenschaft studiert und zuvor für mehrere große Zeitungen gearbeitet. (buchhaus.ch)

Sonja Ohly
Sonja ist die schreibende Nomadin und Chefin vom Dienst bei ohfamoos. Die begeisterte Taucherin ist auf der ganzen Welt unterwegs und beschreibt gerne als Reiseblogger ihre Destinationen. Ebenfalls großes Interesse zeigt sie für Politik und engagiert sich als PR Tante probono für eine Demokratische Bürgerliste und den Sportverein in ihrer Heimatkommune.
Alle Beiträge von Sonja sehen
Dieser Beitrag wurde erstmals am 1. März 2026 veröffentlicht
Schon gelesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.