Reden wir darüber: Was ich als Kardiologe ...
... über das Zuhören gelernt habe
Unsere Kampagne „Reden wir darüber.“ geht weiter: Nun mit einem Gastbeitrag von Dr. Ammar Ghouzi, Kardiologe aus Düsseldorf. Elke schätzt seine Beiträge auf LinkedIn so sehr, dass sie ihn anschrieb und überzeugte, sein Wirken passe sehr gut zu unserer Kampagne. Denn sein berufliches Verständnis beschreibt Dr. Ghouzi so: Medizin bedeutet für ihn nicht nur Diagnostik und Therapie, sondern Begegnung. „Am Ende“, sagt er, „definiert uns weniger, was wir leisten – sondern welches Herz wir haben“. Viel Freude am folgenden Beitrag, er spricht uns … AUS DEM HERZEN.

In meinem Beruf geht es um das Herz. Medizinisch betrachtet ist es ein Organ. Aber je länger ich arbeite, desto klarer wird mir: Es steht auch für etwas anderes.
Ich sage manchmal, ein krankes Herz zum Lachen zu bringen sei die Königsdisziplin der Kardiologie. Das klingt leicht – ist es aber nicht. Denn wer Menschen begleitet, deren Leben sich innerhalb eines Gesprächs verändert, lernt schnell, welche Bedeutung Worte haben.
Zu meiner Arbeit gehört es, Patientinnen und Patienten in die Augen zu sehen und zu sagen:
Ein nüchterner Satz. Für den anderen Menschen ist er oft eine Zäsur. Eben noch beschwerdefrei, und plötzlich beginnt ein neues Kapitel. Hinter jedem Befund stehen nicht nur medizinische Daten, sondern ein Mensch, eine Familie, eine Geschichte, Erwartungen und Ängste.
Solche Gespräche werden nie Routine. Man gewöhnt sich nicht daran – und ich glaube, man sollte es auch nicht.
Besonders schwer sind die sogenannten Zufallsbefunde. Untersuchungen, die eigentlich der Vorsorge dienen, und doch alles verändern können. In diesen Momenten zählt nicht allein medizinisches Wissen. Es braucht Aufmerksamkeit, Klarheit und die Bereitschaft, wirklich zuzuhören. Nicht nur zu sprechen.
Diese Erfahrungen prägen meine Haltung – auch jenseits der Medizin. Am Ende definieren wir uns nicht nur durch Leistung oder Position, sondern durch das Herz, das wir haben. Damit meine ich nicht nur das Organ, sondern die Art, wie wir Menschen begegnen.
Und manchmal ist das Mutigste nicht, etwas zu verändern, sondern sich selbst anzunehmen – um dann ehrlich zu sagen, was ist.
Als ich im türkischen Erdbebengebiet war, hat mich das tief berührt. Dort habe ich gesehen, wie schnell alles Äußere an Bedeutung verliert. Was bleibt, sind Menschen füreinander. Dieses Erlebnis hat mich geerdet und mir erneut gezeigt, worauf es im Leben ankommt: Menschlichkeit.
Auch in unserer Gesellschaft erlebe ich, wie schwierig Gespräche geworden sind. Dabei weiß ich aus meinem Berufsalltag: Zuhören ist keine Höflichkeit. Es ist Voraussetzung. Ich kann einem Patienten nur helfen, wenn ich ihn wirklich wahrnehme. Nicht als Fall, sondern als Mensch. Vielleicht lässt sich daraus etwas übertragen.
Ein Gespräch gelingt, wenn wir die Möglichkeit zulassen, den anderen zu verstehen – und auch selbst nicht immer recht zu haben.
Ich glaube: Nicht nur in der Medizin, in der gesamten Gesellschaft geht es nie darum einfach nur zu gewinnen. Es geht darum, gemeinsam eine Wirklichkeit auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Reden wir – noch mehr – darüber.
Gastautor Dr. Ammar Ghouzi ist Kardiologe und Internist und leitet seit Juni 2024 das Vorsorgeinstitut für Prävention und Sportmedizin in Düsseldorf. Seine Facharztausbildung absolvierte er am Helios Klinikum Wuppertal. Anschließend war er mehrere Jahre als leitender Oberarzt auf einer Intensivstation in Duisburg tätig und danach sechs Jahre Ärztlicher Leiter der Notaufnahme der Schön Klinik Düsseldorf.
Neben seiner klinischen Arbeit engagiert er sich seit vielen Jahren als Dozent an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf sowie im Vorstand eines humanitären Vereins. Mehr über ihn auf seinem LinkedIn-Profil.
Wer mehr über unsere Kampagne erfahren möchte, lese hier weiter.
Das Gute: JEDE*R kann mitmachen, wenn er/sie einen Beitrag bei uns einreicht, Email reicht.
Fotos: via Dr. Ghouzi / radprax Vorsorge-Institut