Antworten verdienen es, gehört zu werden. Auch ohne Worte.
Ein Gastbeitrag von Fabian Sabo aus Berlin
„Ich habe dreißig Jahre lang Fragen gestellt. Als investigativer Journalist für ARD und ZDF war das mein Handwerk: die richtige Frage, zum richtigen Zeitpunkt, an die richtige Person.“ So beginnt der Gastbeitrag von Fabian Sabo. Geschrieben für unsere ohoo-Kampagne „Reden wir darüber.“ Was Fragen und Journalismus damit zu tun haben? Sehr viel. Denn darauffolgende Antworten müssen erst mal VERSTANDEN werden, bevor mit einer Meinung reagiert wird. Ansonsten, so ist sich Sabo sicher, kommt man aus seiner Tarnung gar nicht heraus … Aber lest mehr von ihm, sehr spannend, wie wir finden!
Ich habe dreißig Jahre lang Fragen gestellt. Als investigativer Journalist für ARD und ZDF war das mein Handwerk: die richtige Frage, zum richtigen Zeitpunkt, an die richtige Person. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht zugehört habe. Und damit als Journalist eine Öffentlichkeit geschaffen habe, die nicht so wirksam war, wie ich mir das gewünscht habe.
Ich habe gewartet. Auf die Pause, in der ich ansetzen konnte. Auf das Stichwort, das meine nächste Frage rechtfertigte. Auf den Moment, in dem ich das Gespräch wieder in die Hand nehmen konnte.
Was wir Zuhören nennen, ist oft etwas anderes
Wir nicken. Wir schauen jemanden an. Wir sagen „hm“ und „ja“ und „verstehe“. Und gleichzeitig laufen im Kopf schon die nächsten Sätze, die nächste Antwort, der nächste Einwand.
Echtes Zuhören fühlt sich anders an. Unbequemer. Es verlangt, dass wir die eigene Meinung kurz auf Pause schalten. Dass wir aushalten, nicht sofort zu wissen, was wir gleich sagen werden.
Was wir deswegen oft übersehen (oder überhören?): Das Schweigen nach einer Frage ist keine Leerstelle. Es ist der eigentliche Raum des Gesprächs. Dort entsteht, was wir wirklich meinen. Und wir überbrücken ihn ständig. Genau das habe ich auch getan.
Als Journalist war ich dennoch erfolgreich. Vielleicht auch, weil solch ein Raum zu jener Zeit nicht gefragt war.
Was mich mein Burnout gelehrt hat
2008 hat mich ein Burnout gestoppt. Abrupt. Mitten in meiner Arbeit als Journalist, Produzent, Gründer.
Was ich damals als Versagen erlebt habe, war im Rückblick eine Einladung:
innezuhalten und zum ersten Mal in langer Zeit wirklich zuzuhören. Mir selbst, vor allem. Ohne Kompromisse. So hatte mein Körper zum Beispiel einen enormen Schlaf- und Erholungsbedarf. Unter 14 Stunden Schlaf war in den ersten drei Monaten nichts zu machen. Hätte ich nicht auf meinen Körper gehört, wäre ich wohl noch kranker geworden.
Als ich in meinen Beruf zurückging, habe ich dieselbe Arbeit anders gemacht. In langen Recherchen, wenn ich Zeit hatte und Vertrauen aufgebaut hatte, habe ich etwas bemerkt: Wenn meine Interviewpartner das Gefühl bekamen, dass ich wirklich zuhörte, veränderte sich etwas in ihnen. In der Energie, in der Offenheit, in der Tiefe dessen, was sie bereit waren zu sagen. Sie kamen auf Antworten, die keine Frage von außen hervorgebracht hätte.
Was jemand auslässt, umgeht, nicht zu Ende denkt, darin steckt oft mehr als in allem, was er tatsächlich sagt.
Das war der Wendepunkt.
Dazu braucht man nur wenig Talent. Übung ist viel wichtiger. Auch ich musste erst lernen, aus der Tarnung zu gehen. Und wirklich zuzuhören.
Macht ist nicht laut
Seit 2023 stelle ich meine Fragen als Coach. Und höre zu.
Ich erlebe in meiner Arbeit mit Führungskräften immer wieder dasselbe Muster:
Die lautesten Personen im Raum haben oft den geringsten Einfluss. Nicht weil sie Falsches sagen. Sondern weil sie sich selbst aus dem Gespräch herausnehmen, indem sie zu früh reden.
Wer als Führungskraft zuerst spricht, bekommt Zustimmung. Wer zuletzt spricht, bekommt Information.
Das ist ein Unterschied, der Entscheidungen verändert. Eine Führungsperson, die zuhört, bevor sie urteilt, hört die Bedenken, die in Meetings nicht laut geäußert werden. Die Ideen, die jemand noch nicht fertig gedacht hat. Die Erschöpfung hinter dem „alles gut“.
Das Paradoxe: Je mehr Einfluss jemand hat, desto seltener bekommt er ungefiltertes Feedback. Zuhören ist dann nicht nur eine soziale Kompetenz, es ist eine Informationsstrategie.
Einer meiner Klienten hat es gewagt: Er hat sein Team gefragt, ob sie eine Lösung für ein real existierendes Problem hätten. Und sie hatten sie. Die Lösung war im Raum. Sie musste nur gehört werden.
Zuhören ist eine politische Haltung
Sonjas Auftakt zu dieser Kampagne hat mich getroffen: Laut sein ist nicht genug.
Ich möchte ergänzen: Recht haben ist auch nicht genug.
Was wir gerade gesellschaftlich erleben, ist kein Mangel an Meinungen. Es ist ein Mangel an echter Bereitschaft, die Meinung des anderen wirklich ankommen zu lassen. Nicht um ihr zuzustimmen. Sondern um sie überhaupt erst zu verstehen.
Mein Vorschlag (angelehnt an Diskussionsregeln im alten Griechenland):
Wer im Dialog sprechen will, sollte zuerst die Position des anderen wiederholen, vollständig und fair, bevor er seine eigene einbringen darf. Das verlangsamte das Gespräch. Und es veränderte es, maßgeblich.
Zuhören lernen – aber wie?
Zuhören lässt sich üben. Nicht durch Lesen, sondern durch Tun.
In meinen Seminaren mache ich mit Studierenden eine einfache Übung. Ich gebe ihnen eine Reihe von Anweisungen – legt eine Nase und einen Daumen auf den Tisch, vier Finger und ein Ohr – und die meisten scheitern in den ersten Runden. Nicht weil die Anweisung schwer wäre, sondern weil sie schon beim nächsten Satz sind, während ich noch spreche.
Danach stelle ich eine einzige Frage: Wie war es, wirklich zuzuhören?
Die Antworten sind jedes Mal ähnlich: Anstrengung, Konzentration, überraschend oft eine seltsame Ruhe. Und dann, noch überraschender: ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Von Zugehörigkeit.
Nicht weil wir einer Meinung sind. Sondern weil wir uns gegenseitig wirklich wahrgenommen haben.
Eine Einladung
Dieser Text ist kein Plädoyer für stille Duldsamkeit. Ganz im Gegenteil. Auch wenn Schweigen manchmal Wegschauen bedeutet: Wer zuhört, muss nicht stumm bleiben.
Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Zuhören, das auf Widerlegung wartet, und dem Zuhören, das wirklich verstehen will.
Im nächsten Gespräch: Wartet einen Atemzug länger, bevor ihr antwortet. Nicht aus Höflichkeit. Sondern um bewusst festzustellen, was ihr in diesem Moment wirklich gehört habt.
Das kann sich schwer anfühlen. Es kostet etwas. Und ich glaube, es ist das, was wir gerade am meisten brauchen.
Reden wir darüber.
Fabian Sabo ist ICF-zertifizierter systemisch-ganzheitlicher Coach (ACC), Gründer zweier TV-Produktionsfirmen und ehemaliger investigativer Journalist für ARD, ZDF und RTL. Heute begleitet er Führungskräfte und Entscheider:innen – online und in seinem Büro in Berlin-Kreuzberg. Hier ist er zu finden: www.linkedin.com/in/fabiansabo und www.fabiansabo.de
Kennengelernt haben sich Fabian und Elke sich über LinkedIn. Dort schrieb er nach Elkes Kontaktanfrage: „Schön, jemanden zu kennen, der ebenfalls Verbindungen schafft.“ Und schon waren sie – fast – im Gespräch. Es folgten ein Telefonat und die Absprache, dass sich Fabian für die ohoo-Kampagne einen Text überlegen möge. Voila.
Wir sind gespannt, wie Euch der Text gefällt! Schreibt uns einfach Eure Meinung gleich unten als Kommentar, danke. Und vielleicht schaut Ihr auch nochmal in diesen Gastbeitrag über die Kunst des Debattierens rein.
Fotos (schwarz-weiß): Benedicte Sehested
eine wunderbare Anleitung… wer moechte nicht gerne der ideale Gespraechspartner sein?
Ach, das ewige Sich Verbesser und Hinterfragen hoert nie auf…