Wie kommunizieren wir im Blackout?

Wenn kein Handy mehr funktioniert, punktet der Amateurfunk

Was im Alltag hervorragend funktioniert, kann im Ernstfall zum Problem werden. Deshalb ist die Frage, was passiert eigentlich, wenn unsere gewohnten Netze ausfallen? Wie kommunizieren wir dann, wenn wir kein Internet, kein Handy, kein Festnetz mehr haben? Und schon sind wir beim Thema krisenfeste Kommunikation – ein Thema, mit dem sich Elke gerade stärker beschäftigt und so auf das Thema Amateurfunk gestoßen ist. Und auf Markus Viertel – sie kennen sich aus Start-Up Zeiten. Hier ihr Bericht.

Anfang des Jahres stand in Berlin einiges still – Stromausfall, flächendeckend. Vielleicht habt Ihr auch noch die dunklen Bilder aus TV-Beiträgen vor Augen. Das war richtig duster, es war kalt und wir bemerkten: Wenn der Strom ausfällt, sind auch Menschen schnell in Gefahr. Ein Notfall, der das ganze Land beschäftigte. Seitdem lässt mich das Thema nicht ganz los …

Jetzt gehe ich noch einen Schritt weiter und fahre zur „HAMtastic Experience 2026“. Ham was? Eine Messe, die Funktechnik zum Anfassen bietet, so wird versprochen, und dass man sich alles rund ums Funken auch ganz praktisch anschauen könne.

Wie also funktioniert das wirklich? Was kann diese Technik leisten, gerade dann, wenn anderes wegbricht, durch Naturkatastrophen zum Beispiel – wir im Rheinland denken da sofort an die Ahrtal-Katastrophe.

Bevor ich nun in die Südpfalz fahre, habe ich mit Markus Viertel gesprochen, der im dortigen Herxheim Geschäftsführer der WiMo Antennen und Elektronik GmbH ist. Unser Gespräch hat mir schon jetzt gezeigt, dass Amateurfunk weit mehr ist als ein technisches Hobby – und im Ernstfall eine entscheidende Rolle spielen kann.

Markus Viertel im Interview mit Elke Tonscheidt

Markus, zum Einstieg eine einfache, aber vermutlich entscheidende Frage: Was passiert, wenn plötzlich der Strom ausfällt, nichts mehr funktioniert, was wir gewohnt sind, Handy zum Beispiel?

Markus Viertel: Dann stehen wir sehr schnell vor einem grundlegenden Problem: Kommunikation bricht weg. Und ohne Kommunikation wird es extrem schwierig, Menschen, Unternehmen oder auch Einsatzkräfte zu koordinieren. Überraschenderweise kommt in so einem Szenario dann ausgerechnet eine sehr alte Technik ins Spiel und ist zuverlässig dazu – der Amateurfunk.

Markus Viertel ist Geschäftsführer der WiMo Antennen und Elektronik GmbH.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Funk braucht doch auch Strom?

Natürlich – ohne Energie geht auch beim Amateurfunk nichts. Der entscheidende Unterschied liegt aber nicht beim Strom, sondern bei der Infrastruktur. Unsere heutige Kommunikation hängt an komplexen, empfindlichen Netzen: Rechenzentren, Vermittlungsstellen, Antennen, Glasfaser. Fällt an mehreren Stellen gleichzeitig der Strom aus, bricht diese Kette schnell zusammen.

Warum kollabieren moderne Netze so schnell?

Weil sie nicht für einen flächendeckenden Ausfall gemacht sind. Mobilfunkmasten haben nur begrenzte Notstromversorgung – oft nur für kurze Zeit. Danach müssten tausende Standorte einzeln mit Generatoren versorgt werden, was praktisch kaum möglich ist. Gleichzeitig fallen Router aus, Netze überlasten, und auch Internetknoten laufen nur begrenzt weiter. Das System ist hocheffizient – aber eben auch anfällig.

Und was macht Amateurfunk anders?

Amateurfunk funktioniert dezentral. Eine Funkstation braucht im Kern nur ein Gerät, eine Antenne und eine lokale Stromquelle. Die Geräte sind energieeffizient – im Empfang etwa wie eine LED-Lampe, beim Senden vergleichbar mit einem Laptop-Netzteil. Das heißt: Man kann sie problemlos mit Batterien, Solarpanels oder kleinen Generatoren betreiben.

Das heißt, Funkamateure sind auf solche Situationen vorbereitet?

Viele ja. Der autarke Betrieb gehört seit jeher dazu. Bei sogenannten Fielddays wird bewusst ohne feste Infrastruktur gearbeitet – draußen, unabhängig vom Stromnetz. Diese Praxis macht im Ernstfall einen großen Unterschied.

Hausmesse der WiMo in 2025 – Hier trifft sich das Who is Who aus dem Amateurfunk.

Wie weit reicht diese Art der Kommunikation überhaupt?

Das ist das Faszinierende: Über Kurzwelle lassen sich Signale über hunderte oder sogar tausende Kilometer übertragen – ohne Satelliten, ohne Internet. Möglich wird das durch die Reflexion an der Ionosphäre.

Und funktioniert das auch mit moderner Kommunikation, also nicht nur Sprache?

Absolut. Amateurfunk ist längst digital. Übertragungsverfahren wie PACTOR ermöglichen E-Mails, Dateien, Bilder oder auch Chat-Kommunikation. Das ist technisch deutlich weiter, als viele denken.

Amateurfunk ersetzt keine professionelle Einsatzkommunikation – aber er kann die letzte funktionierende Brücke sein.
Markus Viertel

Im Ernstfall handeln können

Was ist aus Deiner Sicht die wichtigste Erkenntnis?

Dass beim Blackout nicht zuerst die Energie das Problem ist – sondern die Infrastruktur. Und genau diese braucht der Amateurfunk nicht. Wenn Deutschland kommunikativ krisenfest werden will, wird Kurzwelle wieder wichtiger. Ohne Kommunikation ist selbst das beste Krisenmanagement kaum handlungsfähig.

Markus, zum Abschluss: Was würdest du jemandem sagen, der jetzt neugierig geworden ist – ob jung oder nicht mehr ganz so jung?

Der Einstieg ist einfacher als gedacht. Es gibt eine neue Einstiegslizenz, die einem die Grundlagen mitgibt. Die Lizenzprüfung ist kein Hexenwerk – wer sich ein paar Monate ernsthaft damit beschäftigt, schafft das. Und was danach kommt, ist mehr als ein Hobby: Du verbindest dich mit Menschen auf der ganzen Welt, lernst echte Technik zu verstehen – nicht nur zu benutzen -, und weißt im Ernstfall, dass du nicht hilflos bist. Gerade für Jugendliche finde ich das einen unterschätzten Wert: selbst etwas bauen, selbst eine Verbindung aufbauen, sehen wie Technik wirklich funktioniert. Das ist eine andere Erfahrung, als Apps zu konsumieren. Wer neugierig ist, kann in unserem Shop nach „Einstieg Amateurfunk“ suchen. Dort ist ein Artikel, der alles erklärt.

Vielen Dank für das Interview!

Markus Viertel denkt Kommunikation vom Ernstfall her. Nicht als Theorie, sondern als System, das funktionieren muss, wenn andere Systeme ausfallen. Seine Laufbahn ist geprägt von komplexen, erklärungsbedürftigen Technologien: Strategiearbeit bei Siemens im Oil-and-Gas-Geschäft, Integration mittelständischer Unternehmen, später als Geschäftsführer in einem internationalen Konzern. Immer ging es darum, Strukturen zu schaffen, die nachhaltig tragfähig sind.
Heute führt er als geschäftsführender Gesellschafter die WiMo Antennen und Elektronik GmbH. WiMo ist Europas größter Fachhändler für Amateurfunk und bietet das breiteste Produktportfolio der Branche. In vielen Teilen der Welt sind Amateurfunker das Rückgrat organisierter Notfunknetzwerke. In Deutschland fehlt diese Struktur bislang – und genau das ist der Ausgangspunkt für Markus Viertel.
Für ihn ist Notfunk kein Nischenthema, sondern eine Frage von Resilienz: Wie bleibt Kommunikation möglich, wenn kritische Infrastruktur versagt? Eine Antwort darauf gibt es in Deutschland noch nicht. Aber jemand muss anfangen, sie zu bauen – davon ist Markus überzeugt. ​​​​​​​​​​​​​​
Mehr über die erwähnte Amateurfunk-Messe
Elke Tonscheidt
Elke Tonscheidt, die selbsternannte Energiebündlerin, liebt und lebt in Köln. Neben ihrer Arbeit bei ohfamoos schreibt sie auch für andere Medien, besonders gern Porträts und Reportagen. Sie vernetzt sich gern, hat ein Start-Up mit gegründet und war einige Jahre in der politischen Kommunikation tätig.
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Dieser Beitrag wurde erstmals am 3. Mai 2026 veröffentlicht
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