Warum zur Hölle backe ich plötzlich Brot?
Die Geschichte von Gloria
Sonja hat die Krise in Dubai genutzt und sich einem neuen Hobby gewidmet. Wie es dazu kam, worum es dabei geht und wer Gloria ist, berichtet sie mit viel Augenzwinkern exklusiv auf ohoo 😉
Es ist der 1. März 2026. In den Nachrichten überschlagen sich die Meldungen. Im Persischen Golf eskaliert ein Konflikt, und während die Welt kollektiv den Atem anhält, stehe ich… in meiner Küche in Dubai… und starre in ein Glas.
In diesem Glas lebt Gloria. Gloria ist mein neuer Sauerteigstarter. Er gärt, entwickelt Bläschen und folgt einem sehr eigenen Rhythmus – und nimmt zunehmend Einfluss auf meinen Alltag 😉
Wie alles begann (oder: Krisen und Kohlenhydrate)
Ich weiß nicht genau, wann der Moment kam. Vielleicht war es die dritte laute Detonation einer abgefangenen Rakete. Vielleicht das Gefühl, dass die Welt da draußen gerade ein bisschen zu laut, zu chaotisch, zu unkontrollierbar ist. Aber irgendwo zwischen „Ich sollte weniger Nachrichten lesen“ und „Ich brauche definitiv etwas zu essen“ habe ich jedenfalls beschlossen, Mehl und Wasser zu mischen. Meine Schwester Tina dabei als Vorbild, denn sie frönt diesem Hobby seit dem letzten Winter in Deutschland und berichtet von guten Erfolgen.
Gloria übernimmt
Seitdem richtet sich mein Alltag nach einem Glas fermentierender Mikroorganismen. Es ist spannend. Ich habe gelernt, Bläschen zu interpretieren wie andere Menschen Aktienkurse. Und ich sage euch, Gloria ist anspruchsvoll. Sie hat einen Rhythmus. Sie hat Hunger. Sie hat Stimmungsschwankungen.
Ich habe gelernt:
- Wenn sie blubbert → geht es ihr gut
- Wenn sie flach ist → Drama
- Wenn sie sauer riecht → auch Drama, aber anders
Ich füttere sie. Ich falte den Teig. Ich warte. Ich beobachte. Und plötzlich passiert etwas Merkwürdiges: Mein Backtag richtet sich nicht mehr nach Sport oder Treffen mit Freunden. Der Tag richtet sich nach Gloria.
Warum machen wir das eigentlich? Warum greifen Menschen – und seien wir ehrlich, sehr oft Frauen – in unsicheren Zeiten plötzlich zu Mehl und Wasser?
Die Wissenschaft (oder zumindest meine Theorie)
Meine Theorie: Weil Sauerteig das Gegenteil von Chaos ist. Ursache und Wirkung stehen hier in einem direkten Zusammenhang:
- Du tust etwas → es passiert etwas
- Du kümmerst dich → es wächst
- Du wartest → es entwickelt sich
In einer Welt, in der vieles unberechenbar ist, ist ein Glas voller Mikroorganismen plötzlich beruhigend berechenbar. Es ist Kontrolle in ihrer ursprünglichsten Form.
Meditation in Teigform
Darüber hinaus hat der Prozess des Brotbackens für mich eine sehr beruhigende Komponente. Ich hätte nie gedacht, dass ich das sage, aber: Teig falten ist meditativ. Dieses ruhige Ziehen, Falten, Dehnen und wieder Falten, das geduldige Warten – es zwingt einen, langsamer zu werden. Kein Scrollen am Handy, keine Eilmeldungen auf X, nur du, der Teig und Gloria. Der Fokus verlagert sich weg von äußeren Einflüssen hin zu einer einfachen, greifbaren Tätigkeit.
Instagram hat mich nicht vorbereitet
Natürlich dachte ich zuerst, ich sei allein mit diesem leicht schrägen Verhalten. Eine isolierte Sauerteig-Eremitin in Dubai. Falsch gedacht. In sozialen Netzwerken zeigt sich eine breite Gemeinschaft von Menschen, die sich intensiv mit dem Backen und insbesondere mit Sauerteig beschäftigen Ein kurzer Blick auf Instagram und Bäähm, plötzlich war ich Teil einer riesigen, stillen Bewegung.
- Menschen, die ihre Starter wie Haustiere behandeln
- Timelapse-Videos von perfekt aufgegangenen Broten
- Diskussionen über Hydration, als wäre es Hochleistungsphysik
- Namen. So viele Namen. (Gloria fühlt sich plötzlich weniger speziell.)
Es gibt Hunderte. Tausende. Der Austausch über Techniken, Ergebnisse und Erfahrungen verstärkt den Eindruck, Teil eines größeren Trends zu sein. Eine ganze Community von Menschen, die kollektiv beschlossen haben: „Die Welt brennt? Cool. Ich backe.“
Die Wahrheit über das Brot
Und dann ist da natürlich noch das Brot selbst. Der Duft, der durch die Wohnung zieht und alles so heimelig macht und dann dieser Moment, wenn das Brot endlich aus dem Ofen kommt.
Am Anfang war es ehrlich gesagt eher… naja, flach, ein bisschen dicht, kompakt. Sehr kompakt. Aber mit der Zeit werden die Brote besser, knusprigere Kruste, luftige Krume, und dann dieses Geräusch beim Aufschneiden 🙂 Frau steht da und ist absurd stolz auf etwas, das im Grunde aus drei Zutaten besteht.
Also… kennt das noch jemand?
Letztlich stellt sich mir die Frage, ob dieses Verhalten ein verbreitetes Muster ist: Die Hinwendung zu einfachen, handwerklichen Tätigkeiten als Reaktion auf Unsicherheit? Dieses Bedürfnis in Krisenzeiten anfangen zu backen. Nicht nur, um Brot zu haben, sondern um etwas zu tun, das Sinn ergibt, das funktioniert, das wächst.
Vielleicht geht es dabei weniger um das Brot selbst als um den Prozess dahinter – darum, etwas zu schaffen, das nachvollziehbar wächst und gelingt. In diesem Sinne ist ein Sauerteigstarter mehr als nur ein Küchenprojekt; er wird zu einem kleinen, verlässlichen Gegenpol in einer komplexen Welt.
Oder bin ich einfach nur eine Person, die ihrem Sauerteig einen Namen gegeben hat und deren Leben sich jetzt mit Fütterungszeiten reichlich komplexer gestaltet? (Ehrliche Antworten bitte. Gloria hört mit.)
Und jetzt entschuldigt mich.
Es ist Zeit zu füttern 😉