Besser arm dran als Bein ab
Erlebnisse rund um eine Hüftoperation
„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, hat Joachim Fuchsberger einmal festgestellt. Und wer bei diesem Namen sofort aufhorcht, wird vermutlich schon ahnen: Auch der Gastautor dieser Zeilen, der ohfamoose Detlef Untermann, gehört nicht mehr zur ganz jungen Generation. Baujahr 1952 steht in seinen Papieren – und damit nimmt das Thema Gesundheit inzwischen mehr Raum ein, als ihm lieb ist.
Wobei ihm eine Abwandlung einer bekannten Redewendung ohnehin besser gefällt: Lieber gesund und reich als arm und krank.
Nun soll hier keineswegs die gesamte Krankenakte ausgebreitet werden. Der jüngste Eintrag genügt: Hüftarthrose. Da eine konservative Behandlung kaum noch Erfolg versprach, fiel im Mai die Entscheidung für ein künstliches Hüftgelenk. Der Termin in der vom Orthopäden empfohlenen Klinik stand schnell fest: 14. September 2026.
Früher wäre es vermutlich auch gegangen. Aber der Mann arbeitet tatsächlich noch – und ein Privatleben besitzt er ebenfalls. Der Septembertermin passte also und hatte sogar einen Vorteil: Die anschließende Reha in einer begehrten Berliner Einrichtung ließ sich bequem organisieren. Die Schmerzen wurden zwar nicht besser, doch der näher rückende Termin machte Hoffnung. Bis zum 13. Juli.
Plötzlich keine Klinik mehr
An diesem Tag meldete sich das Sekretariat des Professors, der die Operation durchführen sollte. Kurz darauf kam die Nachricht auch schriftlich: „Aufgrund der Schließung der Klinik für Orthopädie zum 31.07.2026 musste die Planung der vorgesehenen Operation storniert werden.“ Da staunte der Laie – und der Patient erst recht.
Die Schließung stand im Zusammenhang mit den Veränderungen der Krankenhauslandschaft. Politisch ist dabei viel von Spezialisierung, Qualität und einer besseren Versorgung die Rede. Im konkreten Fall half das wenig: Ausgerechnet die Klinik eines ausgewiesenen Hüftspezialisten machte dicht.
Nun denn. Das Kind war in den Brunnen gefallen und schnappte nach Luft.
Also begann die Suche von vorn. Der privaten Krankenhaus-Zusatzversicherung sei Dank, erstaunlich erfolgreich: Der 14. September blieb bestehen, lediglich Krankenhaus und Operateur wechselten. Problem gelöst? Natürlich nicht.
Ein Attest, 20 Spritzen und eine Krankenkassenkarte
Der Autor muss nämlich Gerinnungshemmer nehmen, im Volksmund Blutverdünner genannt. Vor einer Operation bedeutet das: Umstellung auf Heparin – und damit Spritzen. Dummerweise stand vorher noch eine Flugreise ins Ausland an. Rund 20 Spritzen im Handgepäck können bei der Sicherheitskontrolle Erklärungsbedarf hervorrufen. Ein deutsch-englisches ärztliches Attest schien daher eine gute Idee.
Vorausschauend formulierte der Patient einen Entwurf und schickte ihn zusammen mit der Bitte um ein Rezept an seine Hausarztpraxis, bei der die Familie seit mehr als 20 Jahren Patient ist. Am Montag fragte er telefonisch nach. Ja, die Mail sei angekommen. Aber dann kam die Krankenkassenkarte ins Spiel. Die war im laufenden Quartal noch nicht eingelesen worden. Bevor dies nicht geschehen sei, „schauen wir uns das überhaupt nicht an“, erklärte die Mitarbeiterin. Dass der gehbehinderte Patient die Karte doch einfach bei der Abholung von Rezept und Attest vorlegen könne, half nicht. Den Höhepunkt des Gesprächs bildete schließlich dieser Satz:
„Sie gehen ja auch nicht ohne Geld einkaufen.“
Also humpelte der Patient zur Praxis. Das Attest war anschließend trotzdem nicht korrekt. Er musste noch einmal hin. Und selbstverständlich waren auch in der Apotheke nicht genügend Spritzen vorhanden. Also folgte dort ebenfalls Besuch Nummer zwei. Man entwickelt im deutschen Gesundheitswesen erstaunliche Fähigkeiten in Sachen Organisation.
Frisch operiert auf Rezeptsuche
Immerhin: Die Hüftoperation selbst fand statt. Doch bereits im Krankenhaus zeigte sich das nächste Problem. Zwei Medikamente würden zwar für den Aufenthalt reichen, nicht aber für die anschließende Reha.
Am Montag war die Operation. Am Dienstag war der Patient verständlicherweise noch etwas unpässlich. Am Mittwoch hatte die Hausarztpraxis bereits geschlossen. Also gelang der Kontakt am Donnerstag – einen Tag vor der Entlassung. Auch diesmal wurde es kompliziert. Eines der benötigten Hilfsmittel konnte nicht elektronisch verordnet werden, sondern nur auf Papier. Und dann stellte sich heraus: Solange der Patient offiziell noch im Krankenhaus lag, wollte beziehungsweise durfte die Hausarztpraxis ihm überhaupt kein Rezept ausstellen. Wie er dann rechtzeitig zu seinen Medikamenten kommen solle? Darauf gab es keine überzeugende Antwort.
Zum Glück gibt es Menschen, die in keiner Gesundheitsreform vorkommen und trotzdem dafür sorgen, dass das System funktioniert: Angehörige. In diesem Fall die Tochter. Sie holte den Vater aus dem Krankenhaus, kümmerte sich um Rezept und Medikamente und sorgte dafür, dass er vollständig ausgestattet zur Reha fahren konnte.
Wohl dem, der so eine Tochter hat.
Und die Moral?
Es gäbe noch die eine oder andere Begebenheit, die wunderbar in diese Geschichte passen würde. Aber irgendwann reicht es auch. Die eigentliche medizinische Versorgung war übrigens gut. Die Hüfte ist operiert, der Patient wieder unterwegs.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Krankheit allein manchmal schon anstrengend genug ist. Wenn Patienten zusätzlich zu Terminmanagern, Rezeptkoordinatoren, Attestbeschaffern und Schnittstellenexperten werden müssen, braucht man neben körperlicher Fitness gelegentlich auch eine gewisse psychische Robustheit. Oder, um es etwas einfacher zu sagen:
Alt werden ist vielleicht wirklich nichts für Feiglinge.
Und solange das eigene Bein noch dran ist, gilt ohnehin: Besser arm dran als Bein ab.
Detlef Untermann ist Journalist und Kommunikationsmanager. Seine journalistische Karriere reicht von den Westfälischen Nachrichten über Münchner Merkur und Bayerischen Rundfunk bis hin zur Märkischen Oderzeitung, für die er zuletzt das Hauptstadt-Büro in Berlin aufbaute. Darüber hinaus kann bzw. konnte man auf diversen Plattformen wie Opas Blog, Z wie Zeit oder Berlin-Dossier etwas von ihm lesen. Seine ersten Sporen als Kommunikationsmanager ver- bzw. erdiente sich Untermann als Reserveoffizier bei Bundeswehr und NATO. Es folgten Stationen als Kommunikationschef von Berlin Hyp und danach BVG, ehe er sich 2005 mit butterfly communications | selbstständig machte. Wer mehr über ihn wissen möchte, lese das ohfamoos-Porträt hier im Blog oder schaue bei Wikipedia nach!