Ein Hallo, ein Name, ein Stück Zuhause
Über Nähe, Nachbarschaft und Verbundenheit
Ein Buch über einen namenlosen Mann bringt Elke auf eine sehr alltägliche Frage: Was lässt uns eigentlich zugehörig fühlen? Vielleicht braucht es dafür gar nicht viel – einen Blick, ein Hallo, einen Namen. Gerade in einer Zeit voller Kontakte, Follower und flüchtiger Aufmerksamkeit kann echte Verbundenheit erstaunlich unspektakulär beginnen. Manchmal direkt vor der eigenen Haustür.
Neulich berichtete mir mein Sohn von folgender Beobachtung: In unserer Nachbarschaft gebe es einige Leute, die nicht nur grüßen, sondern ihn immer sogar mit Namen begrüßen. Das, sagte er, sei ihm sehr positiv aufgefallen.
Eigentlich eine Kleinigkeit. Ein „Hallo“, vielleicht noch der Name dazu. Und trotzdem kann darin etwas Großes stecken: Ich habe dich gesehen und weiß, wer du bist. Du gehörst hier in unser Viertel, in unsere Straße.
Und mir fiel das Bilderbuch „Der Mann, der keinen Namen hatte“ von Davide Calì ein, das auf meinem Schreibtisch liegt, illustriert von Lucia Carlini. Ich hatte die Verlagsankündigung gelesen und es bestellt. Erst dann gesehen, dass es ein Kinderbuch ist. Das für ohfamoos rezensieren? Hmh, dachte ich, muss ich mal überlegen, wie.
Durch die Beobachtung meines Sohns hatte ich eine packende Idee 🙂
Denn worum geht es in dem Buch? Um einen Mann, der allein auf einer kleinen Insel lebt. Einsam wirkt er dort allerdings überhaupt nicht. Zwar war er als Mensch allein, denn es gab keine anderen Menschen. Doch alles um ihn herum hatte einen Namen, fast alles ein Gesicht: Tiere, Berge, Bäume, die Dinge seiner vertrauten Welt.
Er hatte allem einen Namen gegeben, er selbst war namenlos. Und so sprach der Namenlose mit seiner Umwelt, er machte sogar Komplimente. Alles in seinem Leben war immer gleich, aber der Mann, der keinen Namen hatte, schien mit sich, wie sagt man so schön, im Reinen.
Wann fühlt sich Alleinsein gut an?
Bis etwas Ungewöhnliches passiert, die Routine kommt ins Wanken. Denn eines Tages kommen Besucher auf die Insel. Sie entdecken den namenlosen Mann als Kuriosität, nehmen ihn mit in die Stadt und: Sie nennen ihn Wilson. Und dieser Wilson war froh, endlich einen Namen zu haben, auch wenn er nicht wusste, ob es ein guter war. Es war eben einer.
Wilson, der ehemals Namenlose, wird berühmt, ist plötzlich permanent umgeben von Menschen und hat Tausende „Freundinnen“ und „Freunde“. Im Buch liest sich das so:
Es kommt, wie es kommen kann. Wilson wird der Rummel zu viel – und die neuen „Freunde“ entdecken etwas Neues, das ihre Aufmerksamkeit einnimmt. Und der eben noch begehrte Wilson bemerkt: Wieder allein zu sein, fühlt sich völlig anders an als auf seiner Insel, denn:
Viele Kontakte sind noch keine Verbundenheit
Das ist der Gedanke des Buches, der mich beim Betrachten des Buches (es ist wirklich sehr schön illustriert) am meisten beschäftigt. Man kann allein sein und sich trotzdem verbunden fühlen. Und man kann von Menschen umgeben sein und sich enorm einsam fühlen.
Das gilt im Zeitalter von Social Media vermutlich noch einmal auf besondere Weise. Wir sammeln Kontakte, Follower, Likes – und wissen gleichzeitig manchmal nicht, wie die Frau heißt, die drei Häuser weiter wohnt.
Dabei fällt mir ein Artikel ein, den ich bereits 2021 schrieb über das Thema Einsamkeit – Auslöser war die Corona-Pandemie und ich sprach mit 2 jungen Frauen, die zugaben Einsamkeit zu fühlen. Darin betonte eine Studentin lachend: „Selbst der Einsiedler würde in selbstgewählter Einsamkeit vielleicht meditativ in den See oder Sternenhimmel starren, um eine Connection zu finden, die man immer mal braucht.“ Noch heute finde ich, ein starker Spruch.
Genau so macht es der Mann, der keinen Namen hatte, im Buch von Davide Cali. Mehr noch: Er unterhält sich mit seiner Umwelt, er begrüßt die, die in seiner Umwelt leben, er begegnet ihnen respektvoll. Sie sind da und er zollt ihnen Respekt, schließlich bedeuten sie ihm etwas. Nein, nicht etwas, sogar sehr viel.
Wann beginnt ein Gemeinschaftsgefühl?
Das ist eine Frage, die das Buch thematisiert. Und auch diese: Wann nimmt man das Gefühl von Gemeinschaft wahr, braucht es vielleicht sogar? Und was ist dann, wenn man es gar nicht möchte?
Denn Nachbarschaft, um auf den Anfang dieses Textes zurückzukommen, ist natürlich nicht immer prima. Es ist schön, sich gegenseitig zu helfen und Bescheid zu wissen: Ein Paket anzunehmen, etwas auszuleihen oder auf dem Bürgersteig mal ein paar Minuten länger stehen zu bleiben, weil es gerade etwas zu erzählen gibt. Aber wehe dem, wenn Kinder zu viel Basketball spielen oder Klingelmännchen machen oder so was Verrücktes 🙂
Als ich in unser Viertel zog, habe ich gleich ein Straßenfest angeregt und sofort in Nachbarn Mitstreiter*innen gefunden. Bis heute wird das jährlich gemacht, obwohl ich beim letzten nur kurz vorbeischauen konnte. Die Regie haben andere Nachbarn übernommen, wofür ich dankbar bin.
Ich glaube, es ist dann gut, wenn es zwanglos bleibt. Und das sich grüßen gehört für mich dazu. Deshalb hat mich die Beobachtung meines Sohnes auch berührt. Und ich habe es den Nachbarn rückgemeldet, wie schön es sei, dass sie so freundlich sind. Die Antwort war ebenfalls sehr nett, weshalb ich sie gern verkürzt wiedergebe:
Zum Glück gehört also nicht immer etwas Spektakuläres. Es reicht, sich wahrzunehmen. Und oft entsteht genau dadurch etwas, das wir oft mit großen Worten beschreiben: Zugehörigkeit. Vertrauen. Gemeinschaft. (link?)
Dafür müssen nicht alle beste Freunde (link?) werden. Vielleicht reicht schon viel weniger. Zu wissen, wer nebenan wohnt. Sich zu grüßen. Den Namen des anderen zu kennen. Und im Zweifel zu wissen: Wenn wirklich etwas wäre, könnte ich dort klingeln.
„Der Mann, der keinen Namen hatte“ ist ein Kinderbuch. Aber wie bei vielen guten Kinderbüchern steckt darin eine erwachsene Erkenntnis: Nähe entsteht nicht durch die Zahl der Menschen um uns herum, sondern dadurch, dass wir einander wahrnehmen.
Vielleicht beginnt Gemeinschaft deshalb tatsächlich manchmal mit etwas ganz Kleinem:
Mit einem Blick, einem Hallo – und damit, dass jemand unseren Namen kennt.
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