Reisen in die USA in Zeiten Trumps
„Let’s not talk about politics“ - Ein Selbstversuch
Am Morgen der Abreise um halb fünf: Ich beuge mich über das Waschbecken – Blut im Husten. So kann ich unmöglich in den Flieger steigen. Panik und Tränen machen sich breit. Ich hatte doch so sehr auf diesen dreiwöchigen Urlaub mit meinem Partner und seiner Tochter hin gefiebert. Jetzt war das Fieber in mir. Die zwei fahren zum Flughafen. Ich bleibe zurück. „Fahrt ihr nur, ich komme nach“, sage ich tapfer, ohne zu wissen, ob das stimmt. Später erzählt mir mein Partner, was seine Tochter auf der Fahrt sagte: „Paps, so habe ich dich noch nie weinen sehen.“ Unsere Reise beginnt mit einer kleinen Tragödie – und mit einer Trennung auf unbestimmte Zeit.
So beginnt unsere Gastautorin Sabine Tonscheidt ihren Reisebericht über die USA. Wer sie kennt, weiß: Sie ist durch und durch Italien-Fan, kennt und schätzt dieses mediterrane Land sehr gut, bereist es immer wieder. Nun also mal etwas ganz anderes … Hier die Fortsetzung ihres Textes, mit Fotos von ihr und Oliver.
Will ich eigentlich wirklich in die USA?
Dabei hatte die Unsicherheit schon Wochen zuvor eingesetzt. Wenn Freunde oder Kolleginnen fragten, wohin es im Sommer gehe, antwortete ich umständlich. Südwesten der USA. Die Tochter wollte das. Die Reise sei ja schon vor Trumps Wiederwahl geplant gewesen.
Ich hörte mich selbst reden und merkte, wie sehr ich mich rechtfertigte. Warum eigentlich? Als meine Schwester Elke von meiner Erkrankung erfährt, sagt sie am Telefon: „Ich hatte immer das Gefühl, dass du gar nicht so gerne in die USA willst.“ Treffer. Der Arzt diagnostiziert eine schwere Bronchitis, die Lunge ist zum Glück unauffällig. „Jetzt haben Sie wenigstens Zeit, zur Ruhe zu kommen“, sagt er. Eingewickelt in Decke und Wollsocken denke ich über mein Verhältnis zum Reiseland USA nach.
Die Tage vor dem Abflug
Ein paar Tage vor dem Abflug hatte ich mein Handy überprüft. Trump-kritische Videos, Memes, Witze. Ich löschte sie. Nicht ohne inneren Widerstand. Warum fühlt sich eine Reise in ein befreundetes NATO-Land plötzlich so an, als müsse man sich selbst zensieren?
Währenddessen schicken mir mein Partner und seine Tochter Fotos aus Phoenix: entspannte Einreise, freundliche Beamte mit Fähnchen und sympathisch dreinblickenden Hunden zur Begrüßung. Die berühmte amerikanische Willkommenskultur.

Auch meinen LinkedIn-Account ging ich in Gedanken und in realiter nochmal durch. Hatte ich bei dem Wahlkampf von Harris gegen Trump Stellung bezogen? Nein, beruhige ich mich. Ich habe zwar vieles gelesen und mir meinen Reim darauf gemacht, aktiv Position bezogen habe ich aber nicht. Ich weiß nicht, ob mich das jetzt beruhigen soll oder nicht. War und bin ich feige? Eine zu große Frage für meinen fiebrigen Kopf. Erstmal werde ich also jeden Tag ein Stückchen gesünder – und entscheide dann, nachzufliegen.
Direktflug von Frankfurt nach Las Vegas
Ausgerechnet Las Vegas! Die Kunststadt schlechthin. Ein Paradies für Glücksspieler mitten in der Wüste Nevadas. Dabei hatte ich mir zuvor vor allem die Ruhe in den Weiten Arizonas, sunrise & sunset vor dem Grand Canyon, herbeigesehnt. Stattdessen: Glitzer, Glücksspiel, Repliken vom Pariser Eiffelturm und dem römischen Colosseum, sowie Hotelfoyers voller Spielautomaten. Mein vom Langstreckenflug schwerer Kopf hat Mühe, das mit Humor zu nehmen. Doch das Wiedersehen mit meinen Lieben macht vieles leichter.
Es folgen Tage der Kontraste
Von jetzt an versuche ich mich offen zu halten für das, was kommt: Nach einer kleinen Elvis-Show und Übernachtung in Las Vegas geht es in das Death Valley, das Tal des Todes mit rund 42 Grad Celsius im Badwater Basin, das mit dem tiefsten Punkt des Kontinents aufwartet: – 85,5 Meter unterhalb des Meeresspiegels.

Aus der kargen Salzwüste kommend reihen sich als nächstes zwei Nationalparks ein: der Sequoia- und der Yosemite-Park. Im ersten Park lassen sich vor allem die riesigen Mammutbäume bestaunen, deren Stamm selbst drei erwachsene Menschen nicht mal annähernd umarmen können. Rund 84 Meter Höhe misst zum Beispiel der General Sherman Tree, der ob seines Volumens wohl größte lebende Baum der Welt.
Schon irre, wenn man überlegt: Es ist genau diese Baumlänge, die wir tags zuvor im Death Valley unterhalb der Meeresoberfläche standen …
Im Yosemite-Park wollten wir eigentlich die gleichnamigen Wasserfälle bestaunen, die laut Reiseführer die sechsfache Fallhöhe der schon immens beeindruckenden Niagarafälle haben sollen. Doch der Scout im Hotel sagt: „No water.“ Es bleibt sein Geheimnis, ob die Wasserknappheit durch den menschengemachten Klimawandel verursacht ist, den der Präsident dieses Landes bis heute leugnet, oder ob es einfach die falsche Jahreszeit ist.
Weiter zur Pazifikküste bis nach San Francisco
Zunächst fahren wir nach Monterey, dann nach San Francisco. Von wo aus es dann für mich nach elf Tagen auch wieder nach Hause gehen wird. Ein strammes Programm mit beeindruckenden Naturschauplätzen und Sehenswürdigkeiten. Und doch rücken schon bald nicht die Schönheiten der Natur, sondern die Menschen in den Vordergrund.
Beim Schreiben dieses Textes lese ich von einer neuen Tourismus-Kampagne: Unter dem Titel „America The Beautiful“ sollen Reisende weltweit neu für die USA begeistert werden – mit einem stärkeren Fokus auf Menschen statt auf Orte. Passt also. Denn obgleich die Zahl der einreisenden Touristen in 2025 wohl nur zwischen zwei bis sechs Prozent zurückgegangen ist, ist ein Trend zumindest auszumachen.

Judy ist eine der Amerikanerinnen, deren Freundlichkeit uns beinahe überwältigt. 1974 ist sie aus Taiwan in die Staaten eingereist und hat dann bald das Café Village Centre in einem Ort im Silicon Valley übernommen. Von außen kann man kaum in das Café hineinschauen, so sehr ist es von Speisekarten und Hinweisen auf Allergene oder auch von Postkarten zufriedener Gäste zugeklebt. Drinnen kommt uns der typische Duft von gebratenem Speck und Eiern auf Muffins entgegen. Ich muss vor lauter Appetit schlucken.
Judy begrüßt uns mit einem breiten Lächeln, erklärt uns geduldig die Speisekarte und die Specials von heute und stellt uns auch gleich die zwei Stammgäste, die am Tresen sitzen, vor. Michael und Bob kommen wohl täglich hierher, der eine liest seine Zeitung, der andere trinkt seine Diet Coke.
Beide schlagen natürlich auch beim üppigen Frühstück zu, das Judy uns beim Vorbeigehen am Tisch stolz präsentiert – so, als wollte sie sagen: ‚Beim nächsten Mal könnt ihr das hier auch haben.‘ In einer Ecke im Hinteren des Lokals hat sie ihre heimatliche, asiatische Ecke hergerichtet, mit viel Glitzer und Kitsch und einem Spruch, den sie uns aus dem Chinesischen übersetzt: Das Glück darf kommen.
Das Schicksal meint es gut mit uns
Wir hingegen gelangen bei unserer nächsten Station zunächst einmal in die knapp 30.000 Einwohner zählende Stadt Monterey, die idyllisch an der Pazifikküste liegt. Der Hotelkomplex, in den uns unsere Reiseagentur eingemietet hat, ist nicht ganz unser Ding. Aber das Schicksal meint es gut mit uns: Das Monterey Jazz Festival, das 1958 etabliert wurde und bei dem schon Stars wie Billie Holiday oder Louis Armstrong aufgetreten sind, nimmt wohl jährlich seinen vorabendlichen Auftakt in ebendiesem, unserem Hotel.
So zumindest erklärt es uns Serafina, mit der wir an der Hotelbar ins Gespräch kommen. Sie ist in Kenia geboren, lebt aber schon eine Weile in den USA. „Let’s not talk about politics“, erwidert sie auf die Frage nach der aktuellen politischen Situation in den Vereinigten Staaten, „but it‘s wonderful that you Europeans still come.“

Der Satz bleibt hängen. Zum Abschluss, als sie von unserem nächsten Reiseziel San Francisco hört, wirft sie uns noch folgenden Tipp zu:
Auf in die Straßen von San Francisco
Nun also auf nach San Francisco, in diese beinahe mystische Stadt, die man als kleines Kind nur aus der Krimi-Serie „Die Straßen von San Francisco“ kannte. Mit den typisch amerikanischen Autos, die über die hügeligen Straßen bretterten und am höchsten Punkt immer mal wieder abhoben.
Heute ist Frisco, Verzeihung: San Francisco, die Stadt der selbstfahrenden Autos der Marke Waymo. Diese gehört zu Alphabet (Google), das als eines der weltweit führenden Unternehmen für autonomes Fahren gilt. Einige hundert Fahrzeuge dieses Typs sollen in San Francisco, der quirligen und schrillen kalifornischen Metropole mit ihren rund 830.000 Einwohnern, unterwegs sein. Genauere Zahlen gibt es nicht, denn der Wettbewerb ist hart.

Auch Amazon will demnächst mit seinen Robotaxis in San Francisco und anderen Städten aufwarten. Man bestellt einen Waymo per App, der fast überall von Kameras bedeckt ist, um die Umgebung zu scannen und Risiken einzuschätzen. Wenn das gemietete Fahrzeug dann vor einem steht, zieren die Initialen von Vor- und Nachnamen das beleuchtete Schild auf dem Dach. Noch einen Klick, und die bis dahin verriegelten Türen öffnen sich.
Drinnen kann man nicht nur die Beleuchtung und Sprache, sondern auch die Art der Musik wählen. Etwas spooky ist es beim ersten Mal schon, wenn der Fahrersitz leer bleibt, das Lenkrad sich aber bewegt wie bei einer „echten“ Taxifahrt. Doch schon beim zweiten und dritten Mal fühlt man sich absolut sicher im Waymo.
Im Gespräch mit Daniel
Nachdem wir uns am ersten Tag durch die Straßen von San Francisco haben treiben lassen, nehmen wir vor dem Gang ins Hotel noch einen letzten Drink in einer Kneipe. Wir kommen ins Gespräch mit Daniel, ein Amerikaner mit italienisch-irischen Vorfahren, der zunächst stumm vor seinem Bier am Tresen sitzt. Seine Augen wirken müde, zugleich gütig.
Wie fast alle Amerikaner, die wir treffen und sprechen, ist auch er nicht nur freundlich, sondern neugierig: ‚Wo kommt ihr her? Was führt Euch in diese Stadt? Wie erlebt ihr sie?‘ Nur ein Thema scheint auch hier Tabu zu sein: Politics. Wie auch schon Serafina aus Monterey vermeidet Daniel explizit jede Bemerkung oder gar Wertung über die Regierungspolitik in seinem Land. Nur eins sagt er dazu: „Wir werden auch das überleben.“ Es klingt halb resigniert, halb gelassen. Aufbegehren gegen politisches Unrecht klingt anders.
Im Castro-Distrikt, im Zentrum der LGTBTQ+-Community
Tags drauf machen wir eine ganz andere menschliche Erfahrung, ausgerechnet im Castro-Distrikt, einem Stadtviertel San Franciscos, das als Zentrum der LGBTQ+-Community gilt. Als sei es das Normalste der Welt, kommen uns an einer Straßenkreuzung splitternackte Männer auf Rennrädern entgegen. Das Einzige, was sie teilweise an sich haben, ist der Fahrradhelm. In diesem Castro-Distrikt lebte bis 1978 der Bürgerrechtler, Politiker und einer der ersten offen schwulen Amtsträger der USA: Harvey Milk. Er wurde niedergeschossen, weil er sich für gleiche Rechte von Schwulen und Lesben eingesetzt hatte.

Vor dem Ladengeschäft, das einmal seins war, sitzen ein paar Menschen auf improvisierten Bänken. Ein paar Musiker stimmen ihre Instrumente für ein späteres Straßenkonzert. Gespräche entstehen auch hier. Freundlich, interessiert.
Aber ein Ukraine-Armbändchen geht gar nicht
Bis ein Mann das Ukraine-Armband an meinem Handgelenk sieht. Plötzlich kippt die Stimmung. Trump-Narrative, Verschwörungserzählungen über Nazis in der Ukraine, dann ein Schrei: „You are so stupid.“ Er stößt seinen Stuhl um und geht. Zurück bleiben Ratlosigkeit und ein leiser Schock.
Ausgerechnet hier, wo Vielfalt auf den Straßen offen gelebt wird, liegt Spannung in der Luft. Was hatte dazu geführt? Mein Freund hatte der Behauptung nicht zugestimmt, dass Trump bereits sieben Kriege erfolgreich beendet habe. Seine Tochter und ich fühlen uns verunsichert: „Komm, lass uns gehen. Sonst holt der vermutlich noch sein Gewehr und knallt uns ab.“
Mein Partner nimmt es gelassen. Solche Sorgen sollten wir uns wirklich nicht machen. Es sei doch leider lediglich so: Menschen wie diese seien an Auseinandersetzungen mit Andersdenkenden nicht interessiert.
Offen und freundlich, leider tief gespalten
Es soll die einzige wirklich unangenehme Begegnung dieser Reise bleiben. Und doch spiegelt sich in ihr vieles: ein Land, freundlich, offen, neugierig – und gleichzeitig tief gespalten mit einer guten Portion Aggressionspotenzial.
Zurück in Frankfurt, an einem grauen, trüben Nachmittag, sitze ich in der S-Bahn und beobachte die Gesichter um mich herum. Gesenkte, gelangweilte Blicke, Handys, Abwehr. Eine Art von Schwere liegt in der Luft.
Ich denke an den Morgen der Abreise, an mein Zurückbleiben, an den Respekt, ja, meine Zweifel am Reiseland USA. Merke, dass sich etwas verschoben hat. Amerika wird nicht mein favorisiertes Urlaubsland werden, aber die USA haben uns Deutschen einiges voraus: viele freundliche Gesichter, Neugier, Optimismus, Innovationslust.
Sabine Tonscheidt arbeitet seit vielen Jahren in der internationalen Zusammenarbeit, zuletzt bei der GIZ, und lebt in Frankfurt/Main. Nach einer beruflichen Auszeit arbeitet sie seit 2024 in Wiesbaden, wo sie bei Lotto Hessen die Unternehmenskommunikation leitet. Die Kommunikationswissenschaftlerin liebt Fremdsprachen und Italien, wo sie einst ein Auslandssemester verbracht hat. Sabine kocht (und isst) leidenschaftlich gern – am liebsten für und mit Gästen.
A ridiculously naive population which appears to believe whatever comes forth from a politician’s mouth! This trait, of naivete, is, of course, charming to the wryly cynical approach to life we in the East are immersed in. The problem lies with the politician who truly takes advantage of his people.
Just so long as the democratic cycle is adhered to we may remain optimistic for change.