Die stille Auflösung einer Generation
... und was von ihr bleibt
„Es gibt Tage, da fühlt es sich an, als würde nicht nur ein Haushalt aufgelöst – sondern eine ganze Zeit. Eine Haltung. Eine Generation.“ Schreibt uns Jacqueline Schäfer, die schon zwei andere lesenswerte Gastartikel bei uns im Blog verfasst hat. Diesmal ein komplett anderes Thema als Die weiße Rose oder die Schlüsselkompetenz Kommunikation. Heute geht es um Streifzüge, alte Werte und antike Einzelstücke. Hört sich spannend an? Ist es auch. Denn Jacqueline hat ein Händchen fürs Sammeln hochwertiger Dinge, die nicht einfach verschwinden sollten … Hier also ihr neustes Werk.
Ich hätte das vielleicht nie so bewusst wahrgenommen, wenn mich das Leben nicht selbst darauf gestoßen hätte. Durch eine neue Wohnkonstellation mit meiner betagten Mutter entstand plötzlich ein ganz praktisches Problem: Wir brauchten Stauraum. Mehr Möbel, um die vielen Schätze unterzubringen, die im Laufe eines langen Lebens liebevoll gesammelt worden waren.
Also begann ich zu suchen. Nicht im Möbelhaus. Sondern dort, wo Gegenstände ein zweites Leben bekommen sollen – auf Kleinanzeigen und ähnlichen Plattformen. Und was ich dort fand, hat mich überrascht. Und berührt. Hochwertigste, wunderschöne Möbel. Massivholz, sorgfältig verarbeitet, oft über 100 Jahre alt und doch in einem Zustand, den man heute kaum noch findet. Kristall, zeitlos elegant. Vitrinen, Schränke, Kommoden – jedes Stück mit Charakter. Und alles zu Preisen, die fast schon schmerzhaft niedrig sind.
Ich begann zu kaufen. Zunächst aus pragmatischen Gründen. Doch sehr schnell wurde daraus etwas anderes. Ich wurde zur Retterin.
Mit jedem Gegenstand, den ich abholte, bekam ich auch eine Geschichte aus einer anderen Generation. Viele der Verkäufer erzählten mir, dass sie gerade die Häuser ihrer Eltern oder Großeltern auflösen. Dass sie selbst keinen Platz haben. Dass sie nicht wissen, wohin mit all den Dingen, die über Jahrzehnte hinweg mit Liebe ausgesucht wurden.
Gedanken, die weh tun
„Das Schätzchen wollen sie wirklich hergeben?“ fragte ich einen Anbieter, bei dem ich einen Regency-Schrank abholte, auf den im Wohnzimmer meiner Mutter eine ganze Kiste mit Porzellan wartete, von dem sie sich nicht hatte trennen können. Der Mann schaute mich an, sein Blick war voller Sentimentalität. „Meine Schwiegermutter hat ihn von ihrer Oma geerbt und immer in Ehren gehalten. Wir bringen ihn nicht mehr unter und die Kinder wollen ihn nicht. Sie wäre glücklich, dass ihn jetzt jemand nimmt, der sich so darüber freut, wie Sie!“
Das war nicht das einzige Mal, dass mir eine solche Reaktion begegnet ist. Und immer wieder fiel ein Satz: „Wenn es keiner nimmt, müssen wir es zum Wertstoffhof bringen.“ Man konnte hören, wie sehr dieser Gedanke weh tat.
Diese Möbel waren keine beliebigen Gegenstände. Sie waren das Ergebnis eines Lebens. Angeschafft von einer Generation, die oft noch den Krieg erlebt hat oder kurz danach geboren wurde. Eine Generation, die gelernt hat, sparsam zu sein, zu arbeiten, sich etwas aufzubauen. Fleißig und oft über Jahrzehnte hinweg.
Und dieser Wohlstand zeigte sich auch in ihren Dingen. Nicht protzig. Sondern beständig. Ein guter Schrank war eine Anschaffung fürs Leben. Porzellan wurde nicht einfach gekauft – es wurde ausgewählt. Gesammelt. Gehegt. Und nun stehen diese Dinge in Garagen, auf Einfahrten oder in leergeräumten Wohnzimmern und warten darauf, abgeholt zu werden. Für einen Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes.
Während meiner Streifzüge wurde mir klar: Ich nehme nicht nur einen Gegenstand mit. Ich lasse ein Stück Wertschätzung da. Vielleicht sogar ein Stück Trost. Irgendwann realisierte ich, dass mit der Generation, die nun abtritt, auch eine Erzählung verschwindet.
Lieber ein Teil weniger kaufen, dafür Qualität. Reparieren, statt wegwerfen. Auf einen Traum hinsparen. Ich sah in vielen Anzeigen oder Häusern Dinge, die auch in den Schränken meiner Mutter stehen. Die Mangoholzschalen für Knabbereien, Gläser und Karaffen mit farbigem Boden, ein kupfernes Set für Feuerzangenbowle auf einem handgeschmiedeten Rechaud – der letzte Schrei in den 1970ern und immer noch schön.
Die gleichen Designs. Die gleichen Muster. Genau die gleichen Stücke, mit denen ich aufgewachsen bin. Es war, als würde ich durch ein kollektives Gedächtnis gehen. Manches habe ich gekauft, weil es praktisch war. Manches, weil ich ein Service zu Hause wieder vervollständigen konnte. Und manches einfach, weil mein Herz „Ja“ gesagt hat. Aus Sentimentalität. Aus Respekt. Aus Verbundenheit. Und weil das Teil einfach schön war.
Was mich nachdenklich stimmt, ist, warum diese Dinge heute für viele junge Menschen keine Rolle mehr spielen. Ich rede nicht von der erdrückenden Schrankwand, die wirklich aus der Zeit gefallen ist, sondern von antiken Einzelstücken. Vielleicht fehlt der Platz. Sicher hat sich der Geschmack verändert. Vielleicht ist es der Wunsch nach Flexibilität, nach Leichtigkeit, nach einem anderen Lebensstil. Lieber furnierte Spanplatte als Massivholz, durchaus teuer, aber nicht langlebig. Austauschbar nach ein paar Jahren.
Diese Generation hat dieses Land mit aufgebaut. Mit Fleiß, Disziplin und einer tiefen Wertschätzung für das, was sie sich erarbeitet hat. Ihre Dinge waren Ausdruck davon. Und jetzt verschwinden sie. Leise. Unauffällig. Stück für Stück.
Aber vielleicht – ganz vielleicht – gibt es dazwischen kleine Momente des Innehaltens. Kleine Brücken zwischen den Generationen. Die alte, geschliffene Karaffe mit den passenden Gläsern auf dem modernen Sideboard im industrial Style. Der antike Teawaiter neben dem modernen Cordsofa – Individualität außerhalb von Hochglanzprospekten und Mainstream.
Ist das nicht viel reizvoller und zudem nachhaltig? Fragt Jacqueline – und wir Euch, was meint Ihr dazu?
Jacqueline Schäfer schreibt gern für ohfamoos. Hier findet Ihr mehr über sie.