Eine neue soziale Infrastruktur?
Hans-Jürgen Greve im Interview mit Elke Tonscheidt
Offene Bücherschränke sind längst mehr als Orte, an denen Bücher getauscht werden. Sie sind zu Begegnungsorten geworden – niedrigschwellig, ehrenamtlich getragen und für viele Menschen ein kleiner Anker im Alltag. Für den Kölner Sozialunternehmer Hans-Jürgen Greve, der sie seit fast zwei Jahrzehnten designt und herstellt, erzählen sie deshalb eine viel größere Geschichte: über Vertrauen, Nachbarschaft und den Wunsch nach Gemeinschaft. Im Interview mit Elke spricht er darüber, warum Bücherschränke einen Beitrag gegen soziale Isolation leisten können – und weshalb die eigentliche Frage heute nicht mehr lautet, warum Menschen Bücher tauschen, sondern: Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass ausgerechnet Bücherschränke zu Orten gegen Einsamkeit geworden sind?
Herr Greve, Sie beschäftigen sich seit fast 20 Jahren mit Offenen Bücherschränken. Was fasziniert Sie daran so?
Hans-Jürgen Greve: Als wir die ersten Bücherschränke aufgestellt haben, ging es zunächst um Bücher. Menschen sollten Bücher kostenlos tauschen können. Doch mit der Zeit wurde deutlich, dass etwas ganz anderes entsteht.
Die Menschen kommen nicht nur wegen der Bücher. Sie bleiben stehen, kommen ins Gespräch, lernen Nachbarn kennen. Aus einem Möbelstück im öffentlichen Raum wird ein sozialer Ort. Manche sprechen von ihrem Wohnzimmer auf der Straße, so gern sind sie vor Ort.
Sie haben auch den Begriff der „neuen sozialen Infrastruktur“ geprägt. Was meinen Sie damit?
Unsere Städte verfügen über Straßen, Plätze und Gebäude. Aber Orte, an denen Menschen unkompliziert miteinander in Kontakt kommen können, werden seltener. Viele Begegnungen sind heute organisiert oder kommerzialisiert.
Der Offene Bücherschrank funktioniert anders. Niemand muss Mitglied werden. Niemand muss etwas kaufen. Niemand kontrolliert den Zugang. Menschen begegnen sich freiwillig.
Das schafft Vertrauen. In einer Zeit zunehmender Vereinzelung ist das von großer Bedeutung.
Welche Beispiele haben Sie erlebt?
Immer wieder erzählen uns Menschen, dass sie durch einen Bücherschrank erstmals mit ihren Nachbarn ins Gespräch gekommen sind. Ehrenamtliche berichten von regelmäßigen Begegnungen. Manche Schränke entwickeln sich zu Treffpunkten im Quartier.
Besonders bemerkenswert finde ich, dass viele Nutzer gar nicht wegen eines bestimmten Buches kommen. Sie kommen, weil sie wissen, dass dort etwas passiert. Der Schrank wird Teil ihres Alltags.
Manche sagen: Es handelt sich doch „nur“ um einen Bücherschrank …
Genau darin liegt die spannende Frage. Wenn wir beobachten, welche Bedeutung diese Orte inzwischen haben, dann müssen wir uns fragen: Warum entstehen gerade an Bücherschränken Begegnungen, die an anderen Orten fehlen?
Die eigentliche Geschichte handelt nicht von Büchern. Sie handelt von Vertrauen, Selbstorganisation und dem Wunsch nach Gemeinschaft.
Die Stiftung Neuer Raum beschäftigt sich intensiv mit diesem Phänomen. Was beobachten Sie?
Von meinen BOKX-Bücherschränken gibt es mittlerweile über 1.400 in ganz Deutschland. Das ist längst kein Einzelprojekt mehr.
Entstanden ist eine neue Institution des öffentlichen Raums. Sie basiert nicht auf staatlicher Organisation, sondern auf dem freiwilligen Engagement der Bürger. Tausende Ehrenamtliche kümmern sich um die Schränke. Sie sortieren Bücher, halten Ordnung und sorgen dafür, dass die Orte lebendig bleiben.
Das zeigt, wie groß die Bereitschaft vieler Menschen ist, Verantwortung für ihr Umfeld zu übernehmen. Jetzt ist die Zeit der Zivilgesellschaft.
Welche Rolle spielt dabei das Ehrenamt?
Eine zentrale. Die Schränke funktionieren nur, weil Menschen sich kümmern. Dabei erleben wir etwas Besonderes: Die Motivation entsteht nicht durch Geld oder Verpflichtung. Sie entsteht aus der Freude daran, etwas für die Gemeinschaft zu tun.
Wenn die Schränke so erfolgreich sind – kann man dann einfach überall einen aufstellen?
Nein, genau das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben gelernt, dass Gestaltung, Funktion und soziale Einbindung entscheidend sind.
Ein Schrank muss langlebig sein und schön aussehen. Meine Schränke werden als sehr ästhetisch wahr- und deshalb auch so gut angenommen. Man pflegt sie gerne. Und Bücher müssen trocken bleiben, unbedingt. Was die Nutzung betrifft: Einfach und sicher. Und dann ist da noch der Standort, der muss vor allem stimmen.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Nehmen wir Hamburg, diese wunderbare Stadt, in der es auch ein sehr starkes bürgerschaftliches Engagement gibt. Dort waren die ersten Bücherschränke zusammen gezimmerte Holzboxen. Die Menschen haben die Sache selber in die Hand genommen und Fakten geschaffen. So entstand ein System, das nicht richtig durchdacht war.
Aber es ist doch toll, wenn sich Bürgerinnen und Bürger engagieren?
Absolut richtig, aber die Ästhetik ist nun mal ein wesentlicher Aspekt im öffentlichen Raum. Viele Holzkisten sind wieder abgebaut worden. Das Projekt Bücherschrank hat dadurch leider einen sehr schlechten Ruf bekommen. Das zu verändern dauert lange… es aus den Köpfen der Menschen heraus zu bekommen, das Image zu drehen. Wir sind da aber sehr positiv seit diesem Jahr dran, mittlerweile hat Hamburg schon 5 BOKX-Bücherschränke.
Ein schlecht geplanter Schrank kann Menschen enttäuschen. Ein gut geplanter Schrank wird ein lebendiger Begegnungsort.
Was können Stadtplaner und Kommunen daraus lernen?
Dass öffentliche Räume, die keine Lobby haben, mehr sind als Verkehrsflächen oder Durchgangsorte. Menschen suchen Orte, an denen Gemeinschaft entstehen kann, ohne organisiert werden zu müssen. Die große Resonanz auf die Bücherschränke zeigt dieses Bedürfnis sehr deutlich.
Helfen Bücherschränke, wenn jemand einsam ist?
Natürlich löst ein Bücherschrank das Problem nicht allein.
Aber er schafft eine niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeit. Und genau daran mangelt es vielerorts. Wer regelmäßig einen Ort aufsucht, an dem man anderen Menschen begegnen kann, erlebt seine Nachbarschaft anders.
Deshalb betrachten wir die Bücherschränke zunehmend auch als einen Beitrag gegen soziale Isolation.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir die gesellschaftliche Bedeutung dieser Orte ernster nehmen.
Die Frage lautet nicht: Warum tauschen Menschen Bücher? Die spannendere Frage lautet: Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass Bücherschränke zu Orten gegen Einsamkeit geworden sind?
Wenn wir diese Frage beantworten, lernen wir vielleicht etwas sehr Grundsätzliches über die Zukunft unserer Städte und unseres Zusammenlebens. Gerne berichte ich darüber in einem Vortrag, so wie ich kürzlich auf Einladung des hdak – Haus der Architektur Köln mein Projekt habe vorstellen können. Man kann mich einfach kontaktieren, gerne auch über LinkedIn.
Vielen Dank für das Interview!
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