Berufung finden, Fachkräfte gewinnen
WerdeWärts denkt Berufsorientierung neu
Was möchte ich wirklich? Welcher Beruf passt zu mir – und am besten zu meiner Berufung? Fragen wie diese beschäftigen nicht nur junge Menschen nach der Schule, sondern oft auch Erwachsene, die ihrem Leben eine neue Richtung geben möchten. Genau hier setzt WerdeWärts an: ein Pilotprojekt aus der Region Mainz, das Menschen ab 18 Jahren Zeit und Raum für Orientierung, Persönlichkeitsentwicklung und die bewusste Gestaltung ihres weiteren Weges bietet. Die Vision dahinter ist groß: ein regional verankertes Modell, das langfristig auch bundesweit jungen Menschen Perspektiven eröffnet und sie dabei unterstützt, ihren eigenen Platz in Gesellschaft und Beruf zu finden.
Im Interview erzählt Brigitte Rössler, wie die Idee zu WERDEWÄRTS entstanden ist, warum Orientierung heute wichtiger denn je ist und weshalb es sich lohnt, sich Zeit für die wirklich wichtigen Fragen im Leben zu nehmen.
Interview mit Brigitte Rössler, Gründerin von WerdeWärts
Frau Rössler, aus welchem Grund gibt es WerdeWärts?
WerdeWärts ist ein innovatives, bisher in Deutschland einzigartiges Orientierungsprojekt und ist für junge Menschen entwickelt worden, die noch auf der Suche nach ihrem persönlichen Weg sind.
Das heißt, Sie sprechen die an, die nach der Schule zunächst an eine Auszeit denken?
Der aktuelle Trend, nach dem Schulabschluss eine Auszeit zu nehmen und „die Welt zu erkunden“ scheint eher ungenügend als Vorbereitung für den weiteren Lebensentwurf zu funktionieren. Die Jugendlichen bleiben auf ihrer Suche fest verbunden mit ihrem vertrauten und unterstützenden Umfeld.
Aber sie gehen doch oft bewusst hinaus in die weite Welt?
Ja, das schon, aber digital sind sie von den Eltern, der Familie und ihrem persönlichen sozialen Netz auch während ihrer Reise umgeben und gehalten. Die Erfahrung, alleine lebensfähig zu sein, verliert sich in unserer Zeit in der digitalen Vernetzung.
Und was macht Werdewärts da anders, Sie sind ja auch digital unterwegs … ?
Wir nutzen diese 5 Monate Übergangs-Zeit mit „unseren“ Teilnehmenden sehr intensiv und fokussiert. Das Coaching-Konzept ist so angelegt, dass sich alle live, also „in echt“ in 5 Workshops begegnen und miteinander weiterentwickeln. Ein großer Schwerpunkt liegt im echten Miteinander, in der Potentialentfaltung in der Gruppe und dem, was unter Menschen möglich ist, wenn sie ehrlich und offen miteinander arbeiten und weiterentwickeln.
Das kennen manche bestimmt gar nicht, oder?
Genau, und diese Erfahrungen vergessen sie auch nicht, sie können wirklich vieles davon für ihr weiteres Leben mitnehmen. Natürlich bleiben sie in den 5 Monaten Orientierungspraktikum weiter in ihrer „digitalen Bubble“, aber sie bekommen etwas Neues dazu: echte Begegnung, ehrliche Gespräche, reale Erlebnisse miteinander, Gruppenfeeling, die heilsame Erfahrung „da geht es ja noch anderen genauso wie mir“ und positive und wertschätzende Feedbacks zu ihrer Persönlichkeit.
Bereitet man Menschen so auf ein lebendiges und erfülltes Leben vor?
Das denke ich, ja, denn es geht um das große Thema Persönlichkeitsentwicklung, die ein enorm wichtiger Baustein ist. Um ein lebendiges und erfülltes Leben führen zu können, brauchen wir eine tragfähige Verbindung zu unserem Selbst. Nur wenn wir wirklich im Kontakt sind mit unserem Körper, unseren Emotionen und auch mit unseren Wünschen für unsere Zukunft, können wir die vielfältigen Herausforderungen eines selbstständigen und „erwachsenen“ Lebens kreativ meistern.
Wie wollen Sie junge Menschen ganz gezielt fördern?
Insbesondere junge Menschen wachsen an Aufgaben, die an sie gestellt werden und denen sie nicht bequem ausweichen können. Sie entwickeln sich zu reifen Persönlichkeiten, wenn ihnen für ihren weiteren Lebensweg auch die Verantwortung dafür übergeben wird. Die Verantwortung für sich selbst, für die Familie, für den Kulturkreis, in den sie eingebunden sind, für die gesamte Menschheit und für die Natur und das Klima, in dem wir leben.
Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?
Nein, denn das geht ja auch dosiert (lacht).
Was nehmen die jungen Menschen bei WerdeWärts ganz konkret mit?
Das Coaching beruht darauf, jungen Menschen das zu vermitteln, was sie für ihren Lebensweg wirklich brauchen. Dazu zählt zum einen, dass sie ihre ganz persönlichen Ressourcen, Gaben und Qualitäten herausfinden. Sie lernen außerdem, wie sie diese in ihren Lebensweg einbringen und umsetzen können. Zudem gilt es zu klären, welchen Weg konkret es überhaupt zu beschreiten gilt und das Vertrauen aufzubauen, dass dieser Weg auch selbstständig gemeistert werden kann.
Das klingt gut, habe ich so ähnlich aber auch schonmal gehört …
Deshalb bietet WerdeWärts auch tatsächlich viel mehr, denn unser Ansatz schließt eine zentrale Lücke im System: Viele junge Menschen finden keinen Zugang zu Ausbildung oder Arbeit – nicht aus mangelnder Fähigkeit, sondern aus fehlender Orientierung. Gleichzeitig suchen Unternehmen händeringend motivierte Nachwuchskräfte.
Eine Systemlücke, weil Angebot und Nachfrage nicht effizient zusammenfinden?
Richtig. Und WerdeWärts bringt beides zusammen. Der gesellschaftliche Mehrwert, der durch unsere Arbeit entstehen wird, lässt sich in vier Punkten vielleicht so am besten beschreiben:
- Reduktion von Orientierungslosigkeit und Übergangsabbrüchen
- Aktivierung ungenutzter Fachkräftepotenziale
- Stärkung von Selbstwirksamkeit und mentaler Gesundheit
- Direkter Beitrag zur Fachkräftesicherung in systemrelevanten Branchen
Das sind sehr große Ziele, die Sie sich da vorgenommen haben …
Das stimmt – und wir fordern uns und unsere Teilnehmer*innen ganz bewusst. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn wir gezielt mit jungen Menschen aus herausfordernden Lebenslagen arbeiten, dann ist das natürlich auch echte Arbeit. Gar keine Frage. Das ist kein „Ich bin dann mal weg nach Australien“. Aber nur so, davon bin ich überzeugt, schaffen wir echte Anschlussmöglichkeiten in Ausbildung und Beruf. Ich bin nicht gegen eine Auszeit in Übersee oder sonst wo, aber es gehört mehr dazu, wenn wir erfolgreich sein wollen.
Praxis und Coaching kommen bei WerdeWärts zusammen, was ist noch anders in Ihrem Projekt und woher nehmen Sie ihre Überzeugung?
Wir kombinieren Praxis und Coaching und Matching und Netzwerk. Es ist die Weiterentwicklung eines bereits erprobten Modells – ich habe 6 Jahre Erfahrung in einem Projekt im Allgäu gesammelt. Das heißt, wir vereinen das Beste aus einem bereits existierenden Projekt um eine Erweiterung, was das „Jobangebot“ betrifft, nämlich dem pflegerischen/sozialen Arbeitsbereich (und weitere Branchen) und eine Ergänzung und Vertiefung des Coachingkonzepts um einen weiteren 5. Workshop.
Sie entwickelt also einen neuen Piloten, basierend auf Ihren Erfahrungen, und starten in einer neuen Region?
Ja. Wir starten in meiner Heimatregion Mainz/Rheingau/ Rheinhessen mit 15 Teilnehmenden als skalierbare Blaupause für ganz Deutschland. Hierbei ist eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Betrieben und Institutionen der jeweiligen Region erwünscht.
Wer kann sich melden und mitmachen?
Alle Unternehmen, die motivierte Nachwuchskräfte suchen, statt Pflichtpraktikant*innen. Dies gilt für alle Branchen, ob Gastro u. Hotellerie, Pflege und Soziales, aber auch Handwerk o.ä. Als Partnerbetrieb von WerdeWärts erhalten diese Betriebe ein passgenaues Matching – im Assessment-Center lernen wir alle Teilnehmer*innen kennen und suchen gemeinsam mit ihnen den passenden Praktikumsbetrieb.
Und was passiert dann?
Danach werden sie 5 Monate lang engmaschig über ein berufsbegleitendes Coaching unterstützt. So haben die Praktikant*innen UND die Betriebe ausreichend Zeit einander gut kennenzulernen. Dabei wünschen wir uns Betriebe, die die Idee von WerdeWärts verstehen und gerne mit unterstützen wollen: ein einzigartiges, validiertes Konzept für Teilnehmende in beruflicher Findungsphase und für Betriebe mit Personalbedarf.
War Merle im Allgäu auch bereits dabei?
Ja, über das Vorgängerprojekt kam sie erstmals mit dem Konzept in Berührung. Dort begleitete sie das Projekt organisatorisch und erlebte aus nächster Nähe, welche Wirkung ein praxisnaher und individuell begleiteter Orientierungsprozess auf junge Menschen haben kann. Schnell wurde ihr klar: Genau dieser Ansatz fehlt vielen jungen Erwachsenen.
Merle gehört ja selbst der Generation Z an …
… und genau deshalb erlebt sie, wie häufig ihre Generation als unentschlossen oder wenig belastbar beschrieben wird. Aus ihrer Sicht greift dieses Bild jedoch zu kurz. Viele junge Menschen sind nicht orientierungslos, weil ihnen Motivation fehlt, sondern weil ihnen Zeit, echte Praxiserfahrungen und die passende Begleitung fehlen, um herauszufinden, welcher Beruf wirklich zu ihnen passt.
Wo sehen Sie beide die Pluspunkte von WerdeWärts?
Wir beobachten seit Jahren, dass Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen händeringend motivierte Nachwuchskräfte suchen und mit dem Fachkräftemangel kämpfen. Das wird unserer Ansicht nach eher schlimmer als besser. Für uns ist WerdeWärts genau die Brücke zwischen diesen beiden Welten. Das Programm bringt junge Erwachsene und Betriebe zusammen, bevor vorschnelle Entscheidungen getroffen werden, und schafft Raum, damit beide Seiten sich kennenlernen und gemeinsam herausfinden können, ob sie zueinander passen.
Wer kann teilnehmen/mitmachen?
WerdeWärts richtet sich an junge Menschen ab 18 Jahren, beispielsweise zwischen Schulausbildung und Einstieg ins Berufsleben, die sich in dieser Zeit in einer wichtigen Orientierungsphase befinden. Selten ist der Zeitpunkt so ideal, sich der Frage nach dem Sinn und der Ausrichtung des eigenen Lebens zu stellen, wie in diesem „Vakuum“ zwischen geregeltem Leben, vom Elternhaus und Schule gesteuert, und bevor ein neuer, selbstständiger Alltag mit beruflicher Karriere und Familienplanung beginnt.
Was ist mit denen, die bereits arbeiten, sich aber gern verändern würden?
Wir richten uns ebenso auch an Student*innen, die den Studiengang hinterfragen, Auszubildende, die sich in ihrem angestrebten Berufsbild nicht mehr wirklich wohl fühlen oder auch Menschen aller Altersstufen, die aufgrund einer Lebens-Krise aus der Bahn geworfen wurden und Zeit brauchen, sich neu auszurichten. Auch in späteren Phasen ihres beruflichen Werdegangs erleben Menschen immer häufiger „Brüche“. Auch hier eignet sich unser Konzept, um für kurze Zeit auszusteigen aus dem gelebten Alltag, anzuhalten und sich gezielt und mit professioneller Unterstützung zu überdenken und neu auszurichten.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über Brigitte und Merle
Seit über 25 Jahren arbeitet Brigitte Rössler jetzt als heilpraktische Psychotherapeutin in ihrer eigenen Praxis Atemzyklus in Mainz und in verschiedenen Seminaren, mit Menschen an ihrer inneren Entwicklung. Verschiedenste Altersstufen finden den Weg zu ihr. Mittlerweile sind es immer mehr junge Menschen, die die 64jährige auf ihrem Weg zu mehr Orientierung im Leben unterstützt. In die Zukunft der jungen Menschen „zu investieren“ ist ihr ein besonderes wichtiges Anliegen.
Bereits für das Vorgängerprojekt „Dein Job am Berg“, das sich im Allgäu speziell in den Bereichen Hotellerie und Gastronomie bewegte, entwickelte Brigitte ein Konzept zur persönlichen Entwicklung und Berufsfindung für junge Menschen ab 18 Jahren. Die über 80 Teilnehmer*innen zwischen 18 – 42 Jahren verdienten ein monatliches Gehalt in einer regulären 38 Stunden Arbeitswoche in Gastronomie und gehobener Hotellerie, viele wohnten zum 1. Mal nicht mehr zuhause und entwickelten Eigenständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und entdeckten ihre Selbstwirksamkeit. ALLE Teilnehmenden hatten am Ende der 5 Monate eine konkrete Vorstellung des nächsten Schrittes, den sie in dieser Zeit auch schon in die Wege leiteten. Nicht wenige blieben sogar „in den Bergen“ und begannen dort Ausbildungen.
Merle Lorei ist bei WerdeWärts Projektleiterin mit dem Ziel, jungen Menschen echte Perspektiven zu eröffnen und Unternehmen dabei zu unterstützen, motivierte Nachwuchskräfte zu gewinnen. Merle, Jahrgang 1998, gehört der Generation Z an und kennt das Gefühl, den beruflichen Weg erst einmal finden zu müssen, aus eigener Erfahrung: Nach dem Einstieg in das Studium des Media Managements sammelte sie Erfahrungen in der Film- und Kreativbranche und arbeitete anschließend mehrere Jahre in der Branche sowie im Projektmanagement. Gerade diese unterschiedlichen Stationen zeigten ihr, wie wichtig es ist, verschiedene Wege auszuprobieren, bevor man seinen Platz findet. Für Merle ist WerdeWärts nicht nur ein Projekt. Für sie ist es die Chance, ein gesellschaftliches Problem nachhaltig anzugehen und Menschen dabei zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden.
Wer mehr über das neue Projekt WerdeWärts erfahren möchte, findet hier alle Infos.