So liebenswürdig!
Unterwegs durch England, Wales und Irland
Vor einiger Zeit hat meine Kollegin Sonja über Frankreich und die Franzosen berichtet – und darüber, dass manche Vorurteile erstaunlich wenig mit dem zu tun haben, was man selbst erlebt, sobald man sich auf den Weg macht. Nun war ich zwei Wochen unterwegs – durch Großbritannien und Irland. Dabei habe ich genau das bestätigt bekommen, was zwei meiner Freundinnen, die gebürtig aus England stammen, schon vorhergesagt hatten.
Was mir von dieser Reise besonders im Gedächtnis bleiben wird, sind nicht nur spektakuläre Küsten, alte Städte, leider – aufgrund des Wetters – selbst in Irland weniger grüne, denn gelbe Landschaften, der Atlantik und natürlich: die Mega-Metropole London.
Daneben sind es vor allem die Menschen, an die ich mich so gern erinnere. Ihre Freundlichkeit. Ihre Hilfsbereitschaft. Und dieses fast selbstverständliche: Kann ich etwas für euch tun?
Dabei war unsere Reise durchaus eine kleine Herausforderung. Wir waren ohne Auto unterwegs und hatten kein riesiges Zeitbudget: Erst mit dem Zug in die spektakuläre britische Hauptstadt. 4 Tage London, danach 2 Tage Bath.
Weiter nach Wales: Über Cardiff (3 Tage) an die Südwest-Küste bei Haverfordwest/Roch. Dann mit der Fähre hinüber in den Südosten Irlands für 3 Tage, die letzten 2 Tage nochmal Großstadt: Dublin. Die Zugfahrt die Küste hoch von Wexford in die irische Hauptstadt war übrigens die allerschönste.
Viel Zug also. Viel Bus. Und Taxis. Plus: 15.000 Schritte und mehr hatten wir jeden Tag, meistens mehr.
Und auch deshalb kamen wir mit so vielen Menschen ins Gespräch.
Erst einmal: Die Metropole London
London war der Auftakt, eine Idee meiner Schwester und mir zur Silberhochzeit unseres Vaters. Diese Mega-Metropole wäre natürlich einen eigenen Artikel wert. Und auch wenn die Stadt bei 31 Grad glüht – wir haben (immer noch) grüne Ecken gefunden, Pubs mit kühlen Getränken 🙂 und das gerade neu im Londoner West End gestartete Sinatra The Musical gesehen und (im klimatisierten Aldwych Theatre) genossen.
Eins meiner Highlights: Die Fahrten oben im Doppeldeckerbus, insbesondere die durch Knightsbridge, South Kensington, Chelsea und weiter Richtung Notting Hill. Leichte Brise, einfach entspannend bei dieser Hitze. Harald Juhnkes Definition von Glück würde hier passen: „Keine Termine und leicht einen sitzen.“
Das berühmte Warenhaus Harrods, das man auf dieser Busroute passiert, kann man sich anschauen, muss man aber nicht 🙂 Treffend finde ich die im Netz gefundene Bezeichnung „absoluter Wallfahrtsort für Shopaholics“ – wenn das Geld sehr locker sitzt … Meine britisch-deutsche Freundin Yvonne Hayword empfiehlt übrigens das ebenfalls gehobene, aber anders als Harrods wirkende Fortnum & Mason am Piccadilly – sehr britisch, traditionsreich und elegant. Berühmt ist das seit 1707 existierende Traditionskaufhaus vor allem für Tee, Gebäck, Marmeladen, Pralinen, Feinkost und die ikonischen Picknickkörbe.
Plus: London von oben, was aus dem Sky Garden möglich ist. Dort ist man hoch über der City, sitzt zwischen üppigem Grün und bodentiefen Glasfronten und schaut kostenlos über die Dächer der britischen Hauptstadt.
Dieser wunderschöne Ort befindet sich ganz oben im Hochhaus 20 Fenchurch Street, das wegen seiner ungewöhnlichen, nach oben breiter werdenden Form den Spitznamen „Walkie-Talkie“ trägt. Der öffentlich zugängliche Bereich liegt in etwa 150 Metern Höhe und verbindet eine große verglaste Aussichtsebene mit einem üppig bepflanzten Indoor-Garten, Bars und Restaurants.
In einer so teuren Stadt wie London der Clou: Der Eintritt ist kostenlos, man sollte nur vorher ein Zeitfenster reservieren. Die kostenlosen Tickets werden derzeit bis zu drei Wochen im Voraus vergeben.
Weiter nach Bath
Mit dem Zug ging‘s weiter nach Bath. Und schon tags drauf beim ersten Spaziergang habe ich verstanden, warum die Stadt zum UNESCO-Welterbe gehört. Helle, honigfarbene Häuser aus dem typischen Bath Stone, elegante georgianische Straßenzüge, kleine Plätze, riesige Bäume und mittendrin die berühmten Roman Baths, die an die römischen Ursprünge der Stadt erinnern.
Später wurde Bath zum mondänen Kurort der feinen englischen Gesellschaft – und zur Stadt von Jane Austen, die hier einige Jahre lebte und Bath in gleich zwei ihrer Romane verewigte.
Nur die frechen, extrem lauten Möwen, die sich überall in Bath breitgemacht haben, waren echt nervig. So enorm kreischend haben wir sie noch nie gehört und sie sind sehr selbstbewusst 🙂 Wirklich, wer Bath besucht, kann sie kaum überhören. Tatsächlich beschäftigt die große Population der ‚urban gulls‘ die Stadt seit Jahren. Sie finden hier ideale Brutplätze – und offenbar gefällt den Möwen Bath mindestens so gut wie den Touristen.
Und dann Wales!
In Wales begann dann der Teil der Reise, auf den ich besonders gespannt war. Dort war ich nie gewesen und hatte doch viel gehört vom alten Keltenland ganz im Westen Britanniens… 3 Tage Cardiff – eine Stadt, die mich überrascht hat: Die walisische Hauptstadt wirkt trotz ihrer rund 370.000 Einwohner angenehm entspannt und erstaunlich grün. Mitten in der Stadt liegt der riesige Bute Park, eine wunderbare grüne Oase direkt am River Taff – und nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt.
Ganz anders die Cardiff Bay: viel Wasser, weite Promenaden, moderne Architektur, Restaurants und Cafés – perfekt, um am 1. Abend einfach am Wasser entlangzuschlendern.
Besonders gut gefallen hat uns Penarth, nur ein kleines Stück weiter südlich, wohin uns wieder, natürlich, ein Zug brachte. Man ist in einer guten Viertelstunde aus dem Zentrum von Cardiff an der Küste – und vom Bahnhof Penarth läuft man anschließend nur ungefähr 10–15 Minuten hinunter zum Wasser, wo diverse Restaurants zum Verweilen einladen.
Der viktorianische Pier, die Promenade, der Blick über den Bristol Channel und auch hier: die völlig entspannte Atmosphäre. So nah an einer Hauptstadt und doch fühlt es sich plötzlich nach richtigem Küstenurlaub an.
Und noch ein Highlight: Three Cliffs
Während der klassische Reiseführer (Wales von Dumont) der Three Cliffs Bay nur einen Mini-Absatz widmet und den Charme des Gezeitenspiels herausstellt – wir waren echt total begeistert. Und hatten wohl Glück, denn man soll die drei Klippen nur bei Ebbe sehen (bei Flut nur ihre Spitzen).
Wer dort oben steht und auf die Bucht, die Felsen, das Meer und diese gewaltige Landschaft blickt, versteht sehr schnell, warum Wales für Naturliebhaber ein wunderbares Reiseziel ist. Keine perfekt inszenierte Kulisse, sondern Natur, die einfach da ist. Groß, weit und beeindruckend.
Endlos schien uns der rötliche Sandstrand und wir konnten tatsächlich den Felsenbogen durchschreiten, der sich unter den Three Cliffs bei Ebbe öffnet.
Weiter Richtung Pembrokeshire
Nach Cardiff ging es in Richtung Haverfordwest und Roch. Quer durch Wales‘ Süden an die Küste von Pembrokeshire. Und auch hier wieder so schöne Landschaften! Schmale Landstraßen und Wanderwege führen hinunter zur zerklüfteten Küste von Pembrokeshire. Dort treffen steile Klippen auf weite Buchten und lange Strände – eine Landschaft, die zugleich rau und beinahe unberührt wirkt.
Weiter ohne Auto unterwegs, was in dieser Gegend durchaus sportlich ist, stellten wir bereits am Bahnhof fest: Taxis gab es genau: Eins. Das kam nach einer halben Stunde auch wieder – der Taxifahrer wusste, dass wir nicht weit sein konnten 🙂
Schnell schickte ich unserer Vermieterin eine Whatsapp, ob sie vielleicht Fahrräder verleihe. Tat sie nicht. Statt einfach mit den Schultern zu zucken, schickte sie mir jedoch sofort Adressen und Möglichkeiten, wo wir welche bekommen könnten.
Als wir am nächsten Tag ihren Vater kennenlernten, sagt er mir sinngemäß glatt: „Ich bin gestern noch vorbeigekommen. Wollte sehen, wie Ihr zurechtkommt.“ Er habe uns zum Strand fahren wollen. Aber da waren wir schon weg.
Ein Mann, der uns überhaupt nicht kannte, war also extra vorbeigefahren, weil er wusste, dass wir ohne Auto waren und gerne ans Meer wollten.
Eine ältere Dame in Swansea
Eine andere Begegnung ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. In Swansea saß in einem Café beim Frühstück eine ältere Frau in meiner Nähe. Sie zitterte enorm. Ein Kellner hatte ihr das Frühstück gebracht, doch nun stand alles vor ihr – Tee, Toast, Butter – und sie konnte kaum etwas davon selbst zubereiten.
Als ich zu ihr rüber schaute, bat sie mich, ihr den Toast zu machen. Also setzte ich mich zu ihr, schenkte Tee ein, bestrich den Toast mit Butter und wir unterhielten uns ein wenig.
Vielleicht klingt das banal. Aber genau solche Situationen erzählen für mich viel über das Reisen. Man kommt ins Gespräch, weil man nicht aneinander vorbeiläuft. Weil jemand fragt. Weil ein anderer hilft. Und plötzlich sitzt man nicht mehr als Touristin in einem Café in Swansea, sondern mit einer älteren Dame am Frühstückstisch.
Zum Schluss noch Irland!
Spätestens in Irland verdichtete sich mein Eindruck: Uns begegnete eine bemerkenswerte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Kamen uns zum Beispiel auf den engen Straßen, die wir entlangspazierten, Autos entgegen – nahezu jedes Auto verlangsamte seine Fahrt. Die Fahrer blinkten zum Überholen, machten einen großen Bogen um uns, winkten, viele lächelten uns zu. Nie ein Hupen. Keine genervten Blicke.
Eher das Signal: Wir haben euch gesehen, passt gut auf euch auf.
In Wexford standen wir in der Oper. Wir hatten vorab im wunderschönen La Vista-Café zu Mittag gegessen – das seinen Namen mit Recht trägt, denn man überschaut die Stadt bis runter zum Hafengebiet – gingen danach durchaus neugierig runter zum Operneingang. Tagsüber sind die eigentlichen Räume verschlossen – aber eine Frau bemerkte uns und fragte ganz offen:
„You want to have a look inside?“
Natürlich wollten wir! Also besorgte sie den Schlüssel, ließ uns hinein. Es war dunkel, leer – und sehr einprägsam.
Das Handy. Gib mir bitte mal!
An einem irischen Bahnhof wollte ich Fahrkarten kaufen. Die Mitarbeiterin erklärte mir, dass es online günstiger sei.
Ich also: Handy raus. Website auf. Und dann das, was wahrscheinlich jeder kennt: Man steht vor irgendeinem Buchungssystem, tippt herum und findet natürlich genau den Tarif oder die Strecke nicht, den/die man sucht.
Die Frau schaute kurz zu. Dann bat sie um mein Handy und zeigte mir, welche Verbindung die für uns günstigste sei. Ergebnis: rund 20 Euro gespart.
Auch das ist keine große Heldengeschichte. Aber wie oft besteht das Bild, das wir von einem Land mit nach Hause nehmen, genau aus solchen kleinen Momenten. Und es waren immer auch die Taxifahrer, die uns wertvolle Tipps gaben oder zum Lachen brachten.
Der, der am meisten überraschte, war noch nicht einmal ein Taxifahrer. Aber aufgrund eines Stromausfalls war in seinem Restaurant kein Kochen möglich, wir des Laufens müde. Ohne das zu erwähnen, hatte er das vielleicht bemerkt, denn sofort stand sein Angebot im Raum: „I’ll give you a drive.“ Und so holte er seinen Wagen und kutschierte uns zu seinem Lieblings-Pub.
Und immer wieder dieses Lächeln. Freundliche Augen, aufgeschlossene Mienen. Und wie oft haben wir gehört: „You are welcome.“ „No problem at all.“
Und vielleicht ist es genau das, was ich aus Irland mitgenommen habe: Man fühlt sich tatsächlich willkommen. Nicht als zahlender Gast. Nicht als Touristin, die möglichst schnell abgefertigt werden muss. Sondern als Mensch.
Nein, natürlich sind nicht alle Engländer, Waliser und Iren nett. So wenig wie alle Deutschen humorlos, alle Franzosen arrogant oder alle Italiener temperamentvoll sind.
Aber Reisen ist ein wunderbares Mittel gegen solche Schubladen. Wer langsam reist, öffentliche Verkehrsmittel benutzt, zu Fuß unterwegs ist, sich verfährt, keinen Bus findet, einen Fahrplan nicht versteht oder einfach jemanden fragt, kommt zwangsläufig mit Menschen in Kontakt.
Und vielleicht war gerade das der schönste Teil unserer Reise.
Wir haben spektakuläre Landschaften gesehen. Die Three Cliffs in Wales gehören für mich unbedingt dazu. Wir standen an traumhaften Küsten, fuhren mit der Fähre über die Irische See und später mit dem Zug bis nach Dublin: Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen tiefe Einblicke in das Landesinnere.
Aber wenn ich gefragt werde, was mir besonders in Erinnerung bleibt, denke ich an den Vater unserer Vermieterin, der uns einfach zum Strand fahren wollte. An die Frau in der Oper von Wexford. An die Bahnmitarbeiterin mit meinem Handy in der Hand. An Taxi- und andere Fahrer, die Umwege anbieten, Tipps geben und Geschichten erzählen.
Und immer wieder an dieses Lächeln. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis nach knapp zwei Wochen unterwegs:
Die Welt ist manchmal viel freundlicher, als sie uns vorkommt, wenn wir nur Nachrichten über sie lesen. Das sagen wir hier im Blog ja ohnehin, seitdem es ohfamoos gibt. Bad news gibt es zuhauf in („sozialen“) Medien, die Wirklichkeit ist häufig nicht nur komplexer, sondern auch freundlicher.
Man muss gelegentlich einfach losfahren und selbst nachsehen.