Drei Frauen auf den Spuren der prickelnden Versuchung
Champagner trinken kann jeder. Wir wollten wissen, wo er herkommt
Es gibt Reisen, bei denen man nach drei Tagen das Gefühl hat, schon ewig unterwegs zu sein. Und es gibt Reisen, bei denen man nach einer Woche feststellt: Wir haben eigentlich viel zu wenig getrunken 🙂 . Sonjas Reise in die Champagne gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.
Dass ich in Frankreich war, wissen ja schon einige von Euch. Und dass ich über unsere Woche in der Champagne berichten wollte, auch. Nun ist es so weit: Eine fantastische Woche lang waren Jacqueline, Maria und ich gemeinsam unterwegs. Unser Ausgangspunkt: Aÿ, ausgesprochen ungefähr wie „Äi“. Der kleine Ort liegt mitten im Herzen der Champagne, umgeben von Weinbergen, die sich über die Kreidehänge ziehen.
Hier wird nicht einfach nur Wein angebaut. Hier wird eine ziemlich große französische Lebensphilosophie kultiviert.
Denn Champagner ist schließlich nicht nur ein Getränk. Champagner ist Anlass. Champagner ist Haltung. Und Champagner ist das Geräusch, das entsteht, wenn man einen Korken möglichst elegant aus der Flasche bekommt – und dabei versucht, niemanden damit zu erschießen.
Was uns sofort auffällt: Champagner gibt es hier überall. Im Bistro schon mal „un coup“ für fünf Euro. Maria ist im siebten Himmel. Ihr Motto lautet schließlich: „Wenn schon Alkohol, dann Champagner!“
Wie aus Trauben Champagner wird
Bevor ich Euch durch unsere Champagnerhäuser führe, ein kleiner Ausflug in die Welt der Bläschen.
Die drei wichtigsten Rebsorten sind Pinot Noir, Chardonnay und Meunier. Aus ihnen entsteht zunächst ein stiller Grundwein. Danach folgt die entscheidende zweite Gärung in der Flasche. Dafür werden Zucker und Hefe zugesetzt. Die Hefe vergärt den Zucker, dabei entsteht Kohlensäure – und weil die Flasche verschlossen ist, bleibt sie im Wein.
Nun beginnt das lange Warten. Der Champagner reift auf der Hefe und entwickelt dabei seine Aromen. Durch das sogenannte Rütteln wandern die Hefepartikel später in den Flaschenhals. Beim Degorgieren werden sie entfernt. Erst danach wird die Flasche wieder aufgefüllt und – je nach Stil – die Dosage hinzugefügt.
Was am Ende so leicht und selbstverständlich im Glas perlt, ist also das Ergebnis eines ziemlich komplizierten, zeitaufwendigen und präzisen Prozesses. Kein Wunder, dass die Weinberge, Häuser und Keller der Champagne seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Aÿ – klein, aber ohoo
Unser Hotel liegt in Aÿ. Ein Ort, der zunächst eher verschlafen wirkt. Keine Metropole, kein großes Spektakel. Dafür Weinberge, kleine Straßen, historische Häuser und Champagnernamen, die man aus aller Welt kennt. Aÿ gehört zu den historischen Grand-Cru-Lagen der Champagne. Und hier sitzen zwei Häuser, die wir unbedingt kennenlernen wollen: Bollinger und AYALA.
Bollinger – James Bond lässt grüßen
Bollinger hat etwas Eigenes. Vielleicht liegt es an der engen Verbindung zu Aÿ, an den alten Gebäuden, den Kellern und Holzfässern. Oder einfach daran, dass man bei Bollinger unweigerlich an James Bond denkt.
Viel spannender finde ich allerdings die Geschichte von Lily Bollinger.
1941 übernimmt sie nach dem Tod ihres Mannes mit gerade einmal 42 Jahren das Champagnerhaus – mitten im Krieg. Sie führt Bollinger drei Jahrzehnte lang, hält an traditionellen Produktionsmethoden fest und macht aus dem traditionsreichen Haus eine internationale Marke. Im Foyer sieht man sie auf einem Bild, wie sie mit dem Fahrrad durch die Weinberge radelt, um den Betrieb am Laufen zu halten.
Und sie hat eine ziemlich ungewöhnliche Idee: Warum sollte ein Champagner nach jahrelanger Reife nicht trotzdem frisch schmecken? Aus dieser Idee entsteht der R.D. – „Récemment Dégorgé“, ein lange gereifter Jahrgangschampagner, der erst kurz vor dem Verkauf degorgiert wird.
Neben der Witwe Clicquot ist Lily Bollinger für mich eine der großen Frauen der Champagnergeschichte.
Und langsam verstehen wir: Der Geschmack eines Champagners entsteht nicht nur aus Trauben. Er entsteht aus Entscheidungen, Traditionen, Mut – und sehr viel Geduld.
AYALA – Champagner mit Leichtigkeit
AYALA kennen Jacqueline und ich schon aus Dubai. Jacquelines Nachbar ist der Importeur des Champagners. Dank ihm bekommen wir eine private und ausgesprochen ausführliche Führung durch die Keller.
1860 gegründet, setzte AYALA schon früh auf einen ungewöhnlich trockenen Champagner. Bereits 1865 brachte das Haus einen „Dry Champagne“ mit deutlich weniger Dosage auf den Markt als damals üblich.
Diese Philosophie passt erstaunlich gut zum heutigen Stil: Frische, Reinheit und Balance. Chardonnay spielt eine wichtige Rolle.
Uns gefällt das. Vielleicht auch deshalb, weil es ein bisschen unserem Frauen-Trio entspricht: drei unterschiedliche Charaktere, jede mit ihrem eigenen Geschmack und zusammen ergibt es trotzdem eine ziemlich gute Mischung. 😉
Die Avenue de Champagne
Natürlich darf bei einer Reise in die Champagne Épernay nicht fehlen.
Die Avenue de Champagne ist vermutlich eine der berühmtesten Weinstrassen der Welt. Auf etwas mehr als einem Kilometer reihen sich prächtige Häuser und renommierte Champagnermarken aneinander. Was man von oben sieht, ist allerdings nur die halbe Geschichte.
Denn unter unseren Füßen befindet sich ein gigantisches Labyrinth.
Rund 110 Kilometer Keller ziehen sich unter der Avenue und ihrer Umgebung entlang. In diesen unterirdischen Kreidekellern lagern Millionen von Flaschen bei konstant kühlen Temperaturen. Die Keller bieten mit etwa 10 bis 12 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit ideale Bedingungen für die Reifung. 2025 feierte die Avenue ihr 100-jähriges Bestehen.
Wir laufen also eine ganz normale Straße entlang und wissen: Unter uns liegen Schätze. Sehr viele Schätze.
Bevor wir uns aufmachen, das größte Haus am Platz zu besuchen, genießen wir ein Glas im Garten von Perrier-Jouët. Hinter der eleganten Fassade öffnet sich eine überraschend grüne, fast verwunschene Oase. Blumen, üppige Vegetation und die Terrasse des Cellier Belle Époque lassen die Avenue plötzlich ganz weit weg erscheinen.
Bei Perrier-Jouët gehören Natur, Kunst und Champagner traditionell zusammen. Und wir drei finden: Ein Glas Champagner schmeckt in einem solchen Garten gleich noch ein bisschen besser.
Dom Pérignon – und die wahre Geschichte
Und dann ist da natürlich Dom Pérignon.
Der Name klingt nach einem eigenen Champagnerhaus. Tatsächlich ist Dom Pérignon heute eine eigenständige Prestige-Marke innerhalb der Moët-Hennessy-Gruppe. Und Moët & Chandon wiederum gehört zu LVMH.
Der Name geht auf Dom Pierre Pérignon zurück, Benediktinermönch und Kellermeister der Abtei Hautvillers im 17. Jahrhundert – nur wenige Kilometer von Épernay entfernt.
Die Geschichte wird gerne so erzählt, als hätte der Mönch eines Tages einen Schluck sprudelnden Wein getrunken und gerufen: „Brüder, ich trinke Sterne!“
So romantisch ist es leider nicht.
Dom Pérignon hat den Champagner nicht erfunden. Er war vielmehr ein wichtiger Pionier der Weinbereitung und perfektionierte unter anderem die Kunst des Assemblierens, also des Zusammenstellens verschiedener Weine. Jahrhunderte später wurde sein Name zum Synonym für einen der berühmtesten Prestige-Champagner der Welt.
Natürlich wollen wir auch hier eine Führung. Nicht gerade günstig, aber vermutlich eine Once-in-a-lifetime-Erfahrung. Und bei der Verkostung des Plénitude 2 – je nach Jahrgang kostet eine Flasche 450 Euro und mehr – sehen wir tatsächlich ein paar Sterne.
Reims – Lunch, Kaffee und Apero
Natürlich fahren wir auch nach Reims. Und wir machen daraus beinahe eine kleine Champagner-Rallye: Lunch bei Veuve Clicquot, Kaffee bei Taittinger und Apero bei Thiénot.
Bei Veuve Clicquot denken wir natürlich sofort an die berühmte Grande Dame der Champagne: Madame Clicquot. Nach dem frühen Tod ihres Mannes übernimmt sie 1805 mit gerade einmal 27 Jahren das Champagnerhaus und entwickelt unter anderem das Rüttelpult weiter. Auch heute werden noch viele Flaschen per Hand gedreht.
Unser Lunch findet bei herrlichem Wetter im Garten unter gelben Sonnenschirmen statt. Feuchtfröhlich ist vermutlich die passende Beschreibung.
Nach inzwischen drei Kellerführungen wissen wir allerdings genug über die Herstellung und widmen uns lieber dem angenehmen Teil: dem Verkosten.
Und weil wir gerade beim Verkosten sind: Frankreich kann einfach kochen. Wobei die Geschmäcker bekanntlich verschieden sind.
Montagabend und die Andouillette
Das Essen in Frankreich ist himmlisch. Ich liebe die frische Küche, die originelle Verarbeitung und Zusammenstellung von Speisen. Aber wehe, es ist Montagabend und du suchst ein Restaurant. Das ist gar nicht so einfach. Viele Restaurants haben geschlossen. Also landen wir in einer kleinen Kneipe. Ohne Schnickschnack. Motto: Hier kocht Mama.
Auf der Speisekarte entdecke ich etwas, das ich schon öfter gesehen habe: Andouillette 5A.
Keine Ahnung, was das ist. Also bestelle ich sie. Ein Fehler? Ja! Zum Glück hatte ich kaum Hunger, denn Andouillette ist eine traditionelle französische Wurst aus Schweinedarm und Schweinemagen, besonders bekannt in der Champagne und in Troyes. Und der Geruch ist tatsächlich das Erste, was auffällt.
Franzosen sprechen manchmal liebevoll davon, dass eine gute Andouillette „duftig“ sei. Wer nicht darauf vorbereitet ist, könnte auch fragen: „Was ist denn hier kaputt?“ Ich bin kulinarisch einiges gewohnt. Aber bei dieser Spezialität bleibt es beim ersten Bissen.
Jacqueline ist froh, dass sie Pizza bestellt hat, Maria neugierig und ich irgendwo zwischen „Das ist interessant“ und „Ich brauche jetzt dringend ein Glas Champagner“. Was mich zum Lachen bringt, ist die Köchin, die meine Reaktion auf Andouillette wohl nicht zum ersten Mal sieht und auch nicht beleidigt ist, dass ich ihre hausgemachte Köstlichkeit verschmähe.
Aber genau dafür sind Reisen da: Man probiert Dinge, die man zu Hause wahrscheinlich niemals bestellen würde und hat anschließend wenigstens eine gute Geschichte zu erzählen.
Drei Frauen, sieben Tage und ziemlich viel Champagner
Die Woche ging viel zu schnell zu Ende. Was ich an solchen Reisen liebe, ist nicht das Ziel. Es sind die Gespräche im Auto. Die kleinen Cafés. Das gemeinsame Erleben. Das Diskutieren darüber, welche Flasche wir jetzt wirklich kaufen müssen. Und natürlich die Erkenntnis, dass drei Frauen durchaus ernsthaft über Terroir, Dosage und Hefelager diskutieren können – solange irgendwo ein Glas zum Probieren steht.
Jacqueline ist neugierig auf alles, Maria stellt die Fragen, die wir anderen uns nicht zu stellen trauen, und ich versuche, mir möglichst viele Geschichten zu merken.
Eine Woche lang fahren wir durch die Champagne, vorbei an Weinbergen und kleinen Dörfern, bestaunen Städte, sitzen in Kellern, schauen uns Flaschen an, die jahrelang auf ihren großen Moment warten, und lernen, dass hinter diesem vermeintlich einfachen Luxusgetränk unglaublich viel Handwerk steckt. Und irgendwann verändert sich der Blick auf das Glas.
Die Perlen sind nicht mehr einfach nur Bläschen. Sie sind die Perlage: das Ergebnis von zwei Gärungen, langen Reifezeiten, sorgfältigem Assemblieren, Rütteln, Degorgieren und der Arbeit vieler Menschen.
Was bleibt?
Am Ende unserer Woche bin ich mir sicher: Man muss kein Champagnerexperte sein, um die Champagne zu lieben. Man muss auch nicht wissen, ob ein Champagner gerade sechs oder acht Gramm Dosage hat. Man darf ihn einfach mögen!
Und wenn man einmal dort war, durch die Weinberge gefahren ist, in den kühlen Kellern gestanden und gesehen hat, wie viel Geschichte in einer Flasche steckt, dann schmeckt das Glas am Abend plötzlich anders.
Vielleicht ein bisschen nach Kreide. Vielleicht nach Pinot Noir. Und ganz sicher nach Frankreich.
Wir drei sind uns jedenfalls einig: Freundschaften sollte man viel öfter bei einem Glas Champagner pflegen. Am besten direkt dort, wo er herkommt.
Santé!
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