Bormes-les-Mimosas
Das schönste Dorf Frankreichs
Wie immer, freuen wir uns sehr, wenn unsere Gastautoren wieder eine Geschichte für uns haben. Als neulich Sylvia Hubele anrief und uns fragte, ob wir das schönste Dorf Franksreichs kennen, mussten wir verneinen. Tja, und da kam dann auch gleich dieser entzückende Beitrag über dieses kleine, wunderbare Dorf. Ein Dorf, das kaum einer kennt. Sylvia jedoch war da!
Wer von der Küste bei Le Lavandou aus nach Norden blickt, sieht zunächst nur einen Hang, der sich olivgrün und pinienbestanden terrassenförmig nach oben zieht. Erst beim Näherkommen löst sich aus dem Grün ein Gewirr ockerfarbener, rosa und cremeweißer Fassaden. Das ist Bormes-les-Mimosas, aufgereiht wie übereinandergestapelte Häuser an einem Hang, 150 Meter über dem Mittelmeer, mit Blick bis zu den Îles d’Hyères. Im Juli 2026 wurde der Ort zum „Village préféré des Français“ gekürt, als erster überhaupt aus der ganzen Provence-Alpes-Côte d’Azur. Wer einmal durch die engen Gassen geschlendert ist, versteht die Wahl gut.
Bormes-les-Mimosas liegt im Département Var, eingebettet zwischen dem Massif des Maures im Rücken und dem Mittelmeer vor der Tür. Neben dem historischen Bergdorf gehören auch der Badeort La Favière mit seinem Yachthafen und mehrere Kilometer Küste zur Gemeinde, die sich damit über fast 100 Quadratkilometer vom Strand bis in die bewaldeten Hügel hinauf erstreckt. Nur wenige Kilometer entfernt liegt das Fort de Brégançon, Sommersitz der französischen Präsidenten seit Charles de Gaulle. Das alte Dorf selbst zählt kaum mehr als ein paar hundert ständige Bewohner; die meisten der gut 8.500 Einwohner der Gemeinde leben unten an der Küste.
Hier gibt es keine Hochhäuser
Was Bormes von vielen anderen Küstenorten der Côte d’Azur unterscheidet, ist, was dort nicht gebaut wurde. Obwohl es nahe am Präsidentenfort liegt, und mit der Côte d’Azur einen der begehrtesten Küstenstriche direkt vor der Haustür hat, gibt es hier weder Hochhäuser, noch Bettenburgen oder Ferienclubs. Der historische Ortskern steht komplett unter Denkmalschutz, das mittelalterliche Straßenraster ist bis heute erhalten. Die Gassen ziehen sich in Treppenstufen die Hänge hinauf, manche so eng, dass man ein Fahrrad eher schiebt als fährt. Dazwischen die „cuberts“, das sind überdachte, tunnelartige Passagen zwischen den Häusern. Sie dienten einst als Lager für Heu und Stroh und spenden heute den Gassen ihre charakteristische Kühle im Sommer.
Wer zu Fuß von der Küste unten hinaufsteigen will, sollte sich auf einiges an Schweiß einstellen, besonders an heißen Tagen. Einen ausgewiesenen Wanderweg gibt es nicht: Mögliche Abkürzungen zwischen den Kurven verlaufen über privates Gelände, sodass am Ende doch die Straße selbst der einzige gangbare Weg bleibt. Für Autos ist noch einigermaßen Platz, für Fußgänger ist es oft deutlich unbequemer: Ein schmaler Weg existiert streckenweise, doch meist bleibt nur der Asphalt der Straße selbst, ohne Schatten, und gerade bei Hitze zieht sich das.
Bis 1968 hieß der Ort schlicht Bormes, zu Bormes-de-Mimosas wurde er durch die ursprünglich aus Australien eingeführten Mimosen. Sie prägen mit ihrem intensiven Gelb das Ortsbild von Januar bis März, doch auch außerhalb der Blütezeit ist Bormes ein Blumendorf: Bougainvillea rankt in Violett und Magenta an den Hausfassaden empor, Geranien hängen aus jedem Fensterkasten. 2003 erhielt der Ort dafür die Goldmedaille der Entente Florale, des europäischen Wettbewerbs für Stadtbegrünung, eine Auszeichnung, die im Ort bis heute sichtbar gepflegt wird.
Seit Generationen versammelt sich das Dorf jeden Mittwochvormittag von acht bis dreizehn Uhr auf der Place Saint-François zum Wochenmarkt. Das ist ein klassischer provenzalischer Markt mit rund 80 Ständen: Obst und Gemüse von Erzeugern aus der Region, Ziegenkäse, Oliven und Olivenöl, Kräuter der Provence, dazwischen Kunsthandwerk und Seifen aus lokaler Produktion. Im Sommer, von Juni bis August, wächst der Markt zu einem größeren, kunsthandwerklich geprägten Markt, der sich durch die engen Gassen des Zentrums zieht. Wer im Ort übernachtet, richtet die Woche gern nach diesem Mittwoch aus.
Durchs Dorf zieht sich außerdem der „Chemin des Sages“, ein vom Ältestenrat der Gemeinde konzipierter Rundgang: An verschiedenen Stationen erinnern Tafeln mit Zitaten weltbekannter weiser Frauen und Männer an vergessene Winkel und Denkmäler des Ortes, jede Station markiert mit einem Schmetterling als wiederkehrendem Symbol für Wandel und Erneuerung. Der Weg führt unter anderem zur Chapelle Saint-François mit ihrem kleinen Friedhof und zum alten Uhrturm, dauert komplett gegangen gut zweieinhalb Stunden und lässt sich auch per App als eine Art Schnitzeljagd verfolgen.
Über dem Gassengewirr thront die Kirche Saint-Trophyme, deren schlichte Fassade in warmen Ockertönen sich kaum von den umliegenden Häusern abhebt. Von hier aus führt ein alter Kreuzweg mit sechs Oratorien hinauf zur Chapelle Notre-Dame de Constance auf 324 Metern. Das ist eine knappe Dreiviertelstunde zu Fuß, vorbei an den Resten der mittelalterlichen Burg der Seigneurs de Fos, mit einem Panorama, das bei klarer Sicht bis zu den Îles d’Hyères reicht.
Es ist diese Verdichtung aus Meer, Berg, Blüten, Handwerk, sowie eine fast unversehrte mittelalterliche Bausubstanz, all das macht Bormes-les-Mimosas zu einem der wenigen Orte an der Côte d’Azur, die dem touristischen Ausverkauf der Küste bislang entgangen sind.