Gut vorbereitet statt hilflos
Vorsorgen für Krisen und Katastrophen – einfach mal anfangen!
Krisenvorsorge klingt nach Kellerregal und Kurbelradio. Die jüngsten Unwetter in Südfrankreich und die Erinnerung an das Ahrtal zeigen aber, wie schnell Alltag kippen kann. Elke hat sich den neuen BBK-Ratgeber bestellt und gefragt: Was können wir selbst tun – und wie bleibt Kommunikation bestehen, wenn Handy und Internet ausfallen?
Im Süden Frankreichs hat sich gerade wieder gezeigt, wie schnell aus Wetter ein Ernstfall werden kann. Ein heftiges Mittelmeer-Unwetter brachte im Gard und im Hérault stundenlang sehr starke Regenfälle; beide Départements standen zeitweise auf der höchsten Warnstufe für Regen und Überschwemmungen. Météo-France berichtete von Überflutungen und Sturzfluten.
Solche Nachrichten machen aus dem abstrakten Wort „Vorsorge“ plötzlich etwas sehr Konkretes.
Was das BBK so alles rät
Warnungen, Krise, Ängste, Notfälle, Schutz, Explosionen – nur sechs Wörter, die ich aus dem Inhaltsverzeichnis einer Broschüre fische und die mich, schreiben wir mal, nicht gerade in Best-Stimmung versetzen. Lieber lese ich etwas Heiteres.
Trotzdem habe ich die Broschüre des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK, mit Absicht bestellt und lese sie bewusst an einem entspannten Ort – im Eiscafé Cellino im Kölner Westen.
Schon der Titel klingt nicht gerade nach entspannter Lektüre: „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“. Auf dem Cover leuchtet eine Frau mit der Taschenlampe ein Regal aus. Zu sehen sind Kurbelradio, Batterien, Kerzen, Erste-Hilfe-Material. Also: Bereite ich mich jetzt darauf vor, in Not zu sein?
Nicht Angst einflößen, sondern handlungsfähig machen
Genau an dieser Stelle gefällt mir ein Satz von Mario Reuther, Referatsleiter für Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz der Stadt Bochum. Nach einem Sicherheitstag schrieb er auf LinkedIn: „Es geht nicht darum, Ängste zu erzeugen, sondern Wissen zu vermitteln. Nicht nur über Krisen zu sprechen, sondern Handlungsfähigkeit zu schaffen. Und damit letztlich die Resilienz unserer Stadtgesellschaft zu stärken.“
Genau so verstehe ich den BBK-Ratgeber inzwischen auch: nicht als Anleitung zum Fürchten, sondern als Einladung, ein paar Dinge vorher zu klären.
Das Ahrtal: Warum das keine Theorie ist
Dass Warnung, Vorbereitung und Kommunikation im Ernstfall entscheidend sein können, hat die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 auf erschütternde Weise gezeigt. Am späten Abend brachen dort Strom- und Mobilfunknetze zusammen; Feuerwehren waren zeitweise von Informationen und übergeordneten Strukturen abgeschnitten. In einzelnen Orten gingen Einsatzkräfte und Anwohner von Haus zu Haus, um Menschen zu warnen.
Die Tagesschau hat die Abläufe später rekonstruiert. Und auch wir haben über das Ahrtal natürlich berichtet, hier nachzulesen.
Das ist kein Grund, in Dauerangst zu leben. Aber ein ziemlich guter Grund, vorher einmal zu überlegen: Was brauche ich, wenn gewohnte Systeme für einige Stunden oder Tage nicht funktionieren?
Was wir tatsächlich tun können
Der Ratgeber ist erfreulich pragmatisch. Das BBK empfiehlt, sich möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können – sagt aber ausdrücklich: Schon drei Tage sind ein guter Anfang. Man kann also klein beginnen. Zum Beispiel so:
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Warn-App NINA installieren und Wohnort, Arbeitsort oder andere wichtige Orte abonnieren.
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Powerbanks geladen halten und ein Batterie- oder Kurbelradio bereitlegen.
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Wasser, haltbare Lebensmittel und persönliche Medikamente zunächst für einige Tage einplanen – und den Vorrat schrittweise ausbauen.
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Etwas Bargeld im Haus haben, weil Geldautomaten und Kartenzahlung bei Strom- oder Netzausfällen ausfallen können.
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Wichtige Telefonnummern aufschreiben und in der Familie einen Treffpunkt oder Plan für den Fall vereinbaren, dass Handys nicht funktionieren.
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Wichtige Dokumente griffbereit sammeln und Kopien sichern; Fotos vom eigenen Besitz können später auch bei Versicherungsschäden hilfreich sein.
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An Haustiere, Hygieneartikel, Taschenlampe, wetterfeste Kleidung und einen kleinen Notfallrucksack denken
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Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen und – je nach Wohnlage – Starkregen- oder Hochwassergefahrenkarten der Kommune kennen.
Praktisch finde ich zudem den Vorratskalkulator des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Dort lässt sich der persönliche Vorrat für einen gewünschten Zeitraum berechnen.
Auch die Frage, wie man vertrauenswürdige Informationen erkennt, gehört zur Vorsorge. Gerade in unübersichtlichen Situationen helfen klare Handlungsempfehlungen nur, wenn man Gerüchte und Falschinformationen davon unterscheiden kann.
Fake News kann man übrigens oft erstaunlich gut erkennen. Hier haben wir es auf ohfamoos zusammengefasst.
Und wenn das Handy schweigt?
Im Kapitel „In der Krise informiert sein“ erinnert das BBK daran, dass TV, Computer oder Telefon ausfallen können und ein Cyberangriff, Sturm oder Sabotage auch Mobilfunk und Internet beeinträchtigen können. Für uns als Bürgerinnen und Bürger heißt das zum Beispiel: Radio, Papierkontakte und örtliche Anlaufstellen kennen.
Für Einsatzkräfte, Kommunen, Krankenhäuser oder Energieversorger stellt sich dieselbe Frage noch einmal größer: Wie kommunizieren sie weiter, wenn Mobilfunk und Internet tatsächlich ausfallen?
Hier kommt Markus Viertel ins Spiel. Mit ihm und einem kleinen Team beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit Notfallkommunikation. Viertel ist geschäftsführender Gesellschafter der WiMo Antennen und Elektronik GmbH und baut die Initiative KRITIS.Kom auf, denn er ist überzeugt: „Kommunikation ist Infrastruktur.“
Sein Punkt: Nicht auf einen einzigen Kommunikationsweg vertrauen. Mobilfunk und Internet können die erste Ebene sein; alternative Netze, Satelliten und andere Funklösungen müssen als Rückfallebenen mitgedacht werden. Im Magazin der IHK Pfalz formulierte Viertel das sehr anschaulich:
„Wir sollten Kommunikation genauso denken wie die Stromversorgung. Niemand würde bei einem kritischen Prozess sagen: Das Stromnetz wird schon nicht ausfallen. Bei Mobilfunk und Internet verlassen wir uns aber noch genau darauf.“
Auch Europa baut an Rückfallebenen
Dass diese Frage längst keine Nischendiskussion mehr ist, zeigt ein aktueller Vorschlag der EU-Kommission. Mit dem geplanten EU Critical Communication System (EUCCS) sollen Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste und Katastrophenschutz künftig auch grenzüberschreitend sicher kommunizieren können. Vorgesehen sind breitbandige Technologien für Sprache, Daten, Videos und Standortinformationen; auch Satelliten sollen als zusätzliche Rückfallebene einbezogen werden, wenn terrestrische Systeme ausfallen. Mehr dazu bei heise.
Das ist ein wichtiger Schritt. Für Viertel bleibt trotzdem die Grundfrage bestehen: Was ist die nächste Ebene, wenn auch diese Verbindung nicht verfügbar ist? Resilienz bedeutet deshalb vor allem, mehrere Wege vorher zu planen – nicht erst dann, wenn einer ausgefallen ist.
Mein Fazit: Einfach mal anfangen
Bei ohoo glauben wir auch in diesem Fall nicht an „alles oder nichts“. Man muss nicht perfekt vorbereitet sein, um besser vorbereitet zu sein.
Nachdem ich den Ratgeber durchgesehen habe, denke ich jedenfalls nicht: Jetzt muss ich mich auf die Katastrophe vorbereiten. Anstelle dessen frage ich mich:
Warum habe ich einige dieser einfachen Dinge nicht längst gemacht?
Eine Liste wichtiger Nummern ausdrucken. Die Powerbank wirklich geladen halten. Ein Radio anschaffen. Ein paar Vorräte mehr im Haus haben. Und vor allem einmal mit der Familie darüber sprechen, was wir tun, wenn Handy und Internet plötzlich nicht funktionieren.
Für mich ist das der angenehmste Vorsorge-Gedanke: Er verhindert nicht, dass etwas passiert. Aber Vorsorge verhindert ein Stück weit, dass wir völlig unvorbereitet davorstehen. Denn die wichtigste Vorbereitung auf einen Blackout ist, so sagt es mein bester Freund, „vor dieser Möglichkeit nicht die Augen zu verschließen, sich darüber auszutauschen und eine Haltung zu entwickeln.“ Genau, lieber Ralf, Zuversicht und Kraft kommen mit der Vorbereitung!
Selbst mal nachsehen?
Der BBK-Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ kann hier kostenlos bestellt oder als PDF heruntergeladen werden.
So sieht das DRK die Lage: https://www.drkservice.de/im-fokus/strategische-einordnung/detailseite/vom-digitalfunk-zum-digitalen-lagebild