Benehmt Euch!

Benimm-Regeln: total old school – oder sexy wie nie?

Benimm-Regeln haben ein Imageproblem. Sie klingen nach steifen Anzügen, strengem Blick und Menschen, die wissen wollen, wie man Besteck richtig hält. Kurz: nach gestern. Dabei sind sie aktueller denn je. Denn gutes Benehmen ist kein Regelwerk, sondern Haltung. Und Haltung – das darf man ruhig sagen – ist ziemlich sexy. In einer Welt, in der alles schneller, lauter und öffentlicher wird, sind Respekt, Aufmerksamkeit und Stil kein Anachronismus, sondern echte Attraktivitätsfaktoren. Online wie offline.

Also schon mal gleich vorneweg, der Titel des Beitrags ist geklaut. Geklaut aus dem Spiegel Ausgabe N1 vom 24.12.2025. Der lag als Lesematerial in der Lounge von Emirates Airlines, als ich Silvester zurück nach Dubai flog. Ich fand es schade, denn wer liest zu Weihnachten den Spiegel? Vielleicht geht das Thema ja zwischen Gänsebraten und Geschenkpapier zu Weihnachten vollkommen unter. Wäre doch schade.

Also dachte ich mir: Das ist doch mal wieder ein klassisches ohoo-Thema. Ich mag gutes Benehmen. Und offenbar bin ich damit nicht allein – angeblich 9 von 10 Deutschen auch. Meine Kinder übrigens ebenfalls. Fragt sie nach Servietten.

Serviette

Kleidet euch sexy. Aber bitte mit Stil.

Als ich Elke das Thema vorschlug, kam von ihr sofort eine kluge Ergänzung:
„Lass uns doch fragen: Was ist eigentlich sexy – und welche Rolle spielt Benehmen dabei?“

Elke erzählte von einem Silvesterabend, der ihr in Erinnerung geblieben ist. Nicht wegen Eskalation, sondern wegen Stil. Wegen eines klaren Dresscodes, an den sich alle hielten:

Schwarz und Glanz. Oder Lack und Leder. Kreativ. Stilvoll. Sexy.

Und genau hier wird es spannend. Denn sexy zu sein heißt nicht automatisch, möglichst viel zu zeigen. Sexy ist Wirkung. Und Wirkung entsteht, wenn äußere Erscheinung und innere Haltung zusammenpassen. Was als sexy empfunden wird, ist subjektiv. Kulturell geprägt. Persönlich. Also habe ich – ganz zeitgemäß – die KI gefragt. Die Antwort war überraschend vernünftig:

Sexy ist eine Gesamtwirkung.
Sie entsteht durch Ausstrahlung, Körpersprache, Selbstbewusstsein, Humor, Intelligenz.
Durch die Art, wie jemand spricht, zuhört, sich bewegt.
Und manchmal sogar durch Ideen, Designs oder Haltungen.

Kurz gesagt: Sexy ist nicht Oberfläche. Sexy ist Konsistenz.

Sexy
Elke (links) traf auf der Münchner Silvesterparty u.a. die Konzertpianistin Helen Blau (Mitte).

Knigge für Kinder. Und für Erwachsene.

Im Spiegel-Artikel „Unhöflich sind immer die anderen“ geht es unter anderem um einen Knigge-Kurs für Kinder. Die Kleinen lernen, sich höflich vorzustellen. In ganzen Sätzen zu sprechen. Ein Dreigängemenü zu meistern.

Mir fällt sofort Pretty Woman ein. Julia Roberts – für mich übrigens bis heute eine Ikone von Sexyness – und die berühmte Schneckengabel. Das Besteck von außen nach innen. Eine kleine Szene, die viel erzählt: über Codes, Zugehörigkeit und darüber, wie sicher man sich fühlt, wenn man weiß, wie man sich bewegt.

Vergessen wir Schneckengabeln, Servietten und Dresscodes. Im Kern sind Benimm-Regeln nichts anderes als eine Spielanleitung fürs Zusammenleben. Sie sagen: Ich sehe dich. Ich respektiere dich. Ich weiß, dass mein Verhalten Wirkung hat. Zuhören, ohne aufs Handy zu schauen. Andere ausreden lassen. Rücksicht nehmen. Nicht spektakulär. Aber enorm wirksam.

Social Media – sexy oder einfach nur laut?

Soziale Medien haben unsere Umgangsformen nicht gerade verfeinert. Kommentare werden rausgehauen, Respekt gilt als uncool, Lautstärke als Stärke. Das Problem: Dieses Verhalten bleibt nicht online. Wer ständig Grenzen überschreitet, verlernt sie auch im echten Leben. Und plötzlich wird Benehmen als Schwäche missverstanden. Dabei ist es genau das Gegenteil.

Sich benehmen UND sexy sein

Sexy ist, wer sich selbst ernst nimmt – und andere auch. Wer Haltung zeigt, ohne zu dominieren. Wer Präsenz hat, ohne Raum zu nehmen. Gutes Benehmen ist kein Widerspruch zu Attraktivität. Es ist ihre Basis. Ob auf einer Party, im Büro, im Hotel oder ja – auch im Schlafzimmer.

Zum Glück gibt es Benimmfluencer

Es gibt sie wirklich: Menschen, die auf Instagram oder TikTok zeigen, wie gutes Benehmen heute aussehen kann. Kurz, klar, alltagstauglich. Ohne Zeigefinger. Sie erklären, wie man sitzt. Isst. Sich bewegt. Und warum das sichtbar ist. Weil Stil immer sichtbar ist.

Warum das alles kein Luxus ist.

Gutes Benehmen:

  • erleichtert Kommunikation
  • vermeidet Konflikte
  • schafft Vertrauen
  • wirkt souverän
  • bleibt im Gedächtnis

Gerade im Job ist das entscheidend. Manche Unternehmen laden Bewerber bewusst zum Essen ein. Nicht wegen des Essens – sondern wegen des Verhaltens.

Auch auf Elkes Glitzer-Party zeigte sich: Ein sexy Outfit funktioniert, wenn das Verhalten stimmt. Wer auffällt, möchte gesehen werden. Aber gesehen werden heißt nicht respektlos betrachtet werden. Der Unterschied liegt – wie so oft – im Benehmen.

Was wirkt wirklich sexy?

Selbstsicherheit ohne Arroganz.
Authentizität.
Emotionale Intelligenz.

Menschen, die zuhören können. Die Verantwortung übernehmen. Die wissen, wer sie sind, ohne sich über andere zu stellen.

Reife.
Und ja: Reife ist sexy.

sexy ist...

Und wer war eigentlich Knigge?

Sobald es in Deutschland um Benimm-Regeln geht, fällt ein Name fast automatisch: Knigge. Gemeint ist Adolph Freiherr von Knigge, ein Schriftsteller aus dem 18. Jahrhundert. Sein bekanntestes Werk heißt „Über den Umgang mit Menschen“.

Und jetzt kommt der überraschende Teil: Knigge hat kein Benimm-Regelwerk geschrieben. Es ging ihm nicht um Tischmanieren oder Dresscodes, sondern um Charakter, Respekt, Toleranz und klugen Umgang miteinander. Dass sein Name heute für Etikette steht, ist eigentlich eine Verkürzung – aber der Kern passt. Denn Knigge wollte vor allem eines: ein menschliches, respektvolles Miteinander.

Ein Comeback

Benimm-Regeln sind also kein Relikt aus Omas Zeiten. Sie sind ein Zeichen von Selbstbewusstsein, Respekt und sozialer Intelligenz. Gerade in einer Welt, die durch soziale Medien lauter und schneller geworden ist, helfen sie uns, menschlich zu bleiben.

Ob durch klassische Knigge-Prinzipien oder moderne Benimmfluencer – gutes Benehmen erlebt gerade ein Comeback. Und das ist eine gute Nachricht. Denn am Ende wünschen wir uns doch alle dasselbe: respektvoll behandelt zu werden.

Benimm-Regeln sind ein Zeichen von Selbstbewusstsein, Stil und sozialer Intelligenz.

Und vielleicht ist genau das das eigentliche Sexy daran.

Sonja Ohly
Sonja Ohly
Sonja ist die schreibende Nomadin und Chefin vom Dienst bei ohfamoos. Die begeisterte Taucherin ist auf der ganzen Welt unterwegs und beschreibt gerne als Reiseblogger ihre Destinationen. Ebenfalls großes Interesse zeigt sie für Politik und engagiert sich als PR Tante probono für eine Demokratische Bürgerliste und den Sportverein in ihrer Heimatkommune.
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Dieser Beitrag wurde erstmals am 4. Januar 2026 veröffentlicht
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Die Kommentare zu “Benehmt Euch!”
  • Rupert

    Sadly, from England, I must disagree „good manners are experiencing a comeback“, and as for „respect“!

    Not only have good manners sunk down the expectations of English society, but to exhibit them is to set one up for ridicule, which for some of us is neither here nor there, but for more sensitive souls is liable to have them eschewing any promotion of good manners!

    What has been the route to success in Germany, for here in England it is the „Reform“ supporting majority who have been most visible with their actions, whether that is the flying of St Georges‘ flag or their evil verbal racism.

    Are AFD not so influential across society in Germany?

    • Sonja Ohly

      Hi Rupert, I was quite gobsmacked, when I read the article in one of our prominent somewhat leftish-liberal magazine Der Spiegel. I guess we are an aging population in Germany, hence the wish for more manners and respect. That is also the reason the AfD is winning voters, but they are not ‚influential‘ across society. In my hometown for instance no one wishes to be associated with the AfD and they are not standing for election on a communal level.


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