Taschkent

Jetlag, Navoi und Kosmonauten

Zentralasien gehört für viele noch immer zu den weißen Flecken auf der inneren Landkarte. Dabei kreuzten sich hier über Jahrtausende Handelswege, Religionen und Kulturen. Zwischen Kazakhstan, Usbekistan, Kyrgyzstan, Tajikistan und Turkmenistan entstand eine Welt, die gleichzeitig asiatisch, persisch, türkisch und sowjetisch geprägt ist. Moscheen mit türkisblauen Kuppeln stehen neben brutalistischen Betonbauten, Jurten neben Opernhäusern, Basare neben breiten Prachtboulevards aus Sowjetzeiten. Für Sonja begann mit ihrer Reise nach Usbekistan eine Begegnung mit einer Region, die sie trotz aller Reisen noch nicht kannte. Taschkent ist ihre erste Station auf ihrer Reise durch Usbekistan und den Spuren der legendären Seidenstraße.

Ankunft zwischen Müdigkeit und Verwirrung

Als ich am 6. Mai um 21 Uhr mit meiner Freundin Renate an Bord von flydubai Richtung Usbekistan saß, war die Vorfreude groß. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, wie intensiv und widersprüchlich meine ersten Tage in Taschkent werden würden. Die Reise war von Palco Reale, einem deutsche Reiseunternehmen mit Schwerpunkt Musik, organisiert, mit denen Renate bereits mehrfach unterwegs war. Für mich waren es gleich zwei „Firsts“: die erste Gruppenreise und die erste Reise nach Zentralasien.

Der Flug war um einige Stunden länger, denn wir mussten den iranischen Luftraum umfliegen. Danke, Herr Trump. Und so landeten wir um vier Uhr morgens am nächsten Tag in Taschkent. Unser Reiseleiter Shavkat Turdikulov empfing uns freundlich in perfektem Deutsch und brachte uns direkt ins Hotel.

Dort wartete allerdings die erste kleine Überraschung: Ich war nicht gemeinsam mit Renate auf der Zimmerliste eingetragen, sondern mit einer anderen Dame aus der Reisegruppe, die jedoch erst am nächsten Abend aus Deutschland eintreffen sollte. Das Personal am Empfang war mit diesem Umstand etwas überfordert und es gab einen regen Schlagabtausch zwischen Reiseleiter und Hotelpersonal. Schavkat gewann den Streit – und so durften Renate und ich gegen fünf Uhr morgens endlich in unser Zimmer. Wir fielen praktisch sofort ins Bett und schliefen tief und fest. Jetlag und die nächtliche Anreise hatten uns ausgebremst.

Taschkent
Es gibt viele Alleen in Taschkent

Erste Schritte durch Taschkent

Am Nachmittag waren wir dann wieder fit und starteten unseren ersten Erkundungsgang durch die Stadt. Schon nach wenigen Minuten wurde klar: Taschkent ist keine Stadt, die man auf den ersten Blick versteht. Breite Boulevards, sowjetische Monumentalbauten, moderne Glasfassaden und dazwischen orientalische Elemente. Und allesamt eindrucksvolle Fotomotive!

Unser Weg führte uns zum Amir Timur Square, dem Herzstück des modernen Taschkent. Rund um den Platz stehen beeindruckende Gebäude aus unterschiedlichen Epochen der Stadtgeschichte. Besonders auffällig ist das Hotel Uzbekistan mit seiner markanten Fassade und der monumentalen Eingangshalle. Ein echtes Relikt sowjetischer Architektur und des Brutalismus.

Tashkent
Das Hotel Uzbekistan in Taschkent

Vorbei am Chime Tower und der Konzerthalle liefen wir durch diese angenehm breiten Straßen und gepflegten Grünanlagen. Überraschend war, wie grün und ruhig Taschkent ist. Die Stadt hat wenig von dem hektischen Chaos vieler asiatischer Metropolen. Besonders gefallen haben mir die vielen Bäume. Taschkent ist eine grüne Stadt.

Beeindruckend war auch unser Abstecher in das berühmte Uzbekistan Hotel. Die Farben in der Halle musste ich sofort fotografieren. Überrascht waren wir auch vom Schloß Neuschwanstein, dass im Ballsaal an den Wänden zu sehen war. Kitsch läßt grüßen.

Zum Abendessen landeten wir im entzückenden Basilic Restaurant, nicht weit von unserem Hotel. Von meinem Sohn gewarnt, dass wir viel Fleisch essen würden, entschieden Renate und ich uns für ein Pasta Gericht, was ganz hervorragend zubereitet war. Das Restaurant selbst ist ein wunderschöner, ruhiger und stilvoller Ort, der nach diesem langen Tag genau richtig war.

Renate und Sonja beim Abendessen im Basilic Restaurant

Stadtführung mit Shavkat – und ein gestohlenes Handy

Am nächsten Morgen trafen wir erstmals den Rest der Reisegruppe beim Frühstück. Um neun Uhr begann die offizielle Stadtführung mit Shavkat. Medi Gasteiner, die Reisebegleitung aus Deutschland, verkündete vor der Abfahrt auch gleich die erste Regel der Gruppe: „Wer zu spät kommt, muss ein Gedicht aufsagen.“ Da ich der einzige Neuzugang war, kannten alle anderen diese Regel schon. Ich fand es eine sehr charmante Art, Pünktlichkeit einzufordern. Das werde ich mir für meine Enkel merken!!!

Unser erster Programmpunkt war das neue Zentrum Islamischer Kultur, das erst im März 2026 eröffnet worden war. Der riesige Komplex beeindruckt durch seine moderne Architektur und die Verbindung traditioneller islamischer Elemente mit zeitgenössischem Design.

Doch gleich an der Sicherheitskontrolle passierte etwas Unerwartetes: Ein Handy war nach der Sicherheitskontrolle verschwunden. Für einen Moment war die Stimmung in der Gruppe angespannt. Aber nach etwa 20 Minuten tauchte das Telefon wieder auf. Die Kameraüberwachung hatte den Dieb offenbar identifiziert. Was anschließend mit ihm geschah, erfuhren wir allerdings nicht. Wie überall in Usbekistan sind die öffentlichen Plätze gut überwacht und wir haben uns überall sehr sicher gefühlt.

Zentrum für Islamische Kultur - Eingangshalle

Das Zentrum für Islamische Kultur

Nach dem ersten Schreck mit dem Telefon begann die sehr eindrucksvolle Führung. Schon die gewaltigen Dimensionen des Komplexes vermitteln den Anspruch, hier nicht nur ein religiöses, sondern auch ein kulturelles und nationales Symbol geschaffen zu haben. Die Architektur verbindet traditionelle islamische Elemente: große Kuppeln, filigrane Ornamente und weitläufige Innenhöfe.

Die Führung begann mit der baktrischen Kultur. Berühmt wurde Baktrien besonders durch den Feldzug von Alexander dem Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. Nach seinen Eroberungen vermischten sich griechische und zentralasiatische Kulturen stark miteinander. Und das baktrische Erbe zeigt, dass Zentralasien schon vor über 2000 Jahren kein abgelegener Rand der Welt war, sondern eine hoch entwickelte Drehscheibe zwischen Ost und West. Es brachte führende Wissenschaftler hervor, wie z.B. Avicenna, den wir in der arabischen Welt als Ibn Sina kennen. Er war einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters. Geboren in Usbekistan, nahe Bukhara, lebte er von etwa 980 bis 1037. Er war Arzt, Philosoph, Naturwissenschaftler, Mathematiker und Dichter zugleich. Ein echtes Universalgenie der islamischen Blütezeit.

Dies ist nur ein winziger Auszug aus dem Wissen, das wir in den zwei Stunden in diesem wunderbaren Zentrum vermittelt bekommen haben.

Und wir waren nicht allein. Während unseres Besuchs herrschte reger Betrieb: viele Besuchergruppen, aber auch viele Einheimische. Man spürte, wie wichtig der Islam heute wieder für die Identität Usbekistans geworden ist, nachdem Religion während der Sowjetzeit jahrzehntelang in den Hintergrund gedrängt worden war. Das Zentrum zeigt sehr deutlich das kulturelle Selbstbewusstsein Usbekistans. Für mich ein Zeichen, wie sehr sich das Land zwischen Tradition und Moderne positionieren möchte – und wie stolz man auf seine Vergangenheit ist.

Das Navoi-Theater – Glanz aus einer anderen Zeit

Ein weiterer kultureller Höhepunkt war das Alisher Navoi State Academic Bolshoi Theatre. Schon die Führung durch die prunkvollen Säle war beeindruckend. Überall Stuckarbeiten, kunstvolle Verzierungen, teilweise direkt auf Glas. Interessanterweise sprach die Dame, die uns durch das Theater führte, Russisch. Während der Sowjetzeit war Russisch die dominante Verwaltungs- und Bildungssprache, und viele Stadtbewohner sprechen es bis heute fließend. Usbekisch ist jedoch die offizielle Landessprache.

Aufgeführt wurde Sergej Prokofjevs Romeo und Julia, eines der bedeutendsten Ballette des 20. Jahrhunderts. Komponiert zwischen 1935 und 1936 nach William Shakespeares berühmter Tragödie, zählt es heute zu Prokofjevs bekanntesten Werken. Besonders berühmt sind die kraftvollen Tanzszenen der verfeindeten Familien Montague und Capulet sowie das eindringliche musikalische Thema der jungen Liebenden. Viele Melodien wirken sofort vertraut, allen voran der monumentale „Tanz der Ritter“.

Nach dem Ballett wartete das Abendessen im Lali Restaurant auf uns: Salate, Lammkeule und sehr viel gegrilltes Fleisch. Fleisch in allen Variationen ist sehr typisch für die usbekische Küche und es sei erwähnt, dass man neben Lamm und Rind auch Pferdefleisch serviert bekommt.

Taschkent
Renate und Sonja vor dem Navoi Theater in Taschkent

Die Metro und der Basaar

Und dann ist da noch die Metro. Die Metro von Taschkent gilt als eine der schönsten der Welt. Besonders die Station Kosmonavtlar Metro Station – die „Astronautenstation“ – wollte ich unbedingt erleben. Sie ist den sowjetischen Raumfahrern gewidmet und mit dunkelblauen Wänden, planetenartigen Leuchten und Porträts berühmter Kosmonauten gestaltet. Die gesamte Metro wirkt wie ein unterirdisches Museum aus der Sowjetzeit.

 

Mit der Metro fuhren wir dann vier Stationen weiter zum Chorsu Bazaar.

Hier fühlte ich mich gleich sehr heimisch. Viel Gewusel, Garküchen rechts und links mit sehr außergewöhnlichen Köstlichkeiten und dahinter die große Markthalle mit Gewürzen, Nüssen, Rosinen und Berberitze, die in einem richtigen Plov nicht fehlen dürfen.

 

Was es mit dem Plov auf sich hat, darüber berichte ich in meinem Bericht über Samarkand.

 

Taschkent
Der Chorsu Basaar
Sonja Ohly
Sonja ist die schreibende Nomadin und Chefin vom Dienst bei ohfamoos. Die begeisterte Taucherin ist auf der ganzen Welt unterwegs und beschreibt gerne als Reiseblogger ihre Destinationen. Ebenfalls großes Interesse zeigt sie für Politik und engagiert sich als PR Tante probono für eine Demokratische Bürgerliste und den Sportverein in ihrer Heimatkommune.
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Dieser Beitrag wurde erstmals am 17. Mai 2026 veröffentlicht
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Ein Kommentar zu “Taschkent”
  • Medi

    Liebe Sonja,
    vielen DANK für diesen schönen Bericht, das wird auch die mitreisenden Gäste erfreuen. Freue mich auf Deine Beiträge auch von Samarkand und Buchara!


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