Dolly Parton - eine Ikone in Sachen Selbstbewusstsein
Reden wir darüber
Dolly Parton ist tot. Und während jetzt überall ihre Songs und Interviews gespielt werden, Fotos von blonden Perücken, Glitzerkostümen und ihrer Oberweite gezeigt werden, denkt Sonja daran, so selbstbewusst wie Dolly Parton zu sein.
Anlässlich des Todes von Dolly Parton kommt mir zunächst nicht nur ihre Musik in den Sinn. Auch nicht die blonde Mähne, die hohen Absätze, die funkelnden Kostüme oder die Tatsache, dass vermutlich kaum jemand so viele Witze über die eigene Oberweite gemacht hat wie sie selbst.
Ich frage mich: Woher zum Teufel hatte diese Frau eigentlich dieses Selbstbewusstsein?
Und bevor jetzt jemand sagt: Na ja, sie war schließlich schön, talentiert, erfolgreich und reich – sorry, nein. Das war sie nicht, als sie anfing, an sich zu glauben.
Dolly Parton war ein kleines Mädchen aus einer armen Familie in den Smoky Mountains von Tennessee, eines von zwölf Kindern. Wenig Geld, wenig Platz, wenig Komfort. Ihr Vater konnte nicht lesen und schreiben. Wenn man heute einem Kind mit solchen Voraussetzungen begegnen würde, wären vermutlich ziemlich schnell Förderprogramme und Sozialpädagogen zur Stelle. Nicht, dass daran etwas falsch wäre. Unterstützung ist wichtig. Aber ich frage mich manchmal, ob wir darüber vergessen haben, Kindern etwas mindestens genauso Wichtiges mitzugeben: das Gefühl, dass sie etwas können und ihr Leben selbst in die Hand nehmen dürfen.
Du kannst das selbst
Dolly Parton hatte dieses Gefühl offenbar. Sie wollte Sängerin werden, berühmt werden und reich werden. Ein Kind aus einer armen Familie hatte den Mut, sich vorzustellen, dass sein Leben einmal völlig anders aussehen könnte. Und zwar ohne vorher bei Instagram nachzuschauen, ob dieser Traum auch genügend Likes bekommt.
Sie hat sich nie für ihre Herkunft geschämt und offenbar früh verstanden: Ich bin nicht das, was ich gerade besitze. Sie war arm, aber sie fühlte sich nicht minderwertig.
Während andere später über ihre Perücken, ihr Make-up und ihre Kleidung lachten, machte sie genau daraus ihre Marke. Und während manch einer sie unterschätzte, schrieb sie Songs, sicherte sich Rechte und baute ein Unternehmen auf, das sie zu einer der erfolgreichsten Geschäftsfrauen der Unterhaltungsbranche machte. Dolly Parton war nicht selbstbewusst, weil sie erfolgreich war. Vielleicht war sie erfolgreich, weil sie schon vorher den Mut hatte, an sich zu glauben. Und genau an diesem Punkt denke ich an unsere Jugend.
Die neue Generation und deren Möglichkeiten
Schauen wir uns einmal unsere Kinder und Enkel an. Noch nie hatte eine Generation so viele Möglichkeiten. Noch nie konnte man mit wenigen Klicks so viel lernen. Noch nie war Bildung so zugänglich. Noch nie konnte ein junger Mensch theoretisch mit einem Laptop und einer guten Idee ein Unternehmen gründen, ein Buch veröffentlichen oder Menschen auf der ganzen Welt erreichen.
Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir eine Generation heranziehen, die vor allem eines gelernt hat: Ich bin noch nicht gut genug.
Nicht schlau genug. Nicht schön genug. Nicht dünn genug. Nicht erfolgreich genug. Nicht nachhaltig genug. Nicht mental stabil genug. Nicht sportlich genug. Und selbstverständlich auch noch nicht weit genug auf dem Weg zu sich selbst.
Zu wenig Selbstvertrauen?
Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele junge Menschen trotz aller Möglichkeiten erstaunlich wenig Vertrauen in sich selbst haben. Und vielleicht sollten wir als ältere Generation nicht so schnell fragen, was mit ihnen eigentlich los ist. Vielleicht sollten wir uns zuerst fragen, welchen Anteil wir selbst daran haben.
Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, in der sie permanent mit anderen verglichen werden. Früher gab es vielleicht die Klassenkameradin, die hübscher war, oder den Nachbarn, der erfolgreicher war. Heute reicht ein Blick aufs Handy, und schon begegnet man Menschen, die angeblich schöner, reicher, sportlicher und glücklicher sind. Mit 22 haben sie ein Start-up gegründet, mit 25 reisen sie durch Bali und mit 27 erklären sie ihren Followern, wie wichtig es ist, im Moment zu leben.
Natürlich wissen wir, dass diese perfekte Welt oft nur eine Kulisse ist. Aber unsere Gefühle vergleichen trotzdem.
Haben wir etwas falsch gemacht?
Vielleicht haben wir genau hier etwas falsch gemacht. Wir haben unseren Kindern gesagt, dass sie alles werden können. Gleichzeitig haben wir ihnen vermittelt, dass sie dafür möglichst perfekt sein müssen. Der richtige Abschluss, der richtige Beruf, der richtige Körper, der richtige Lebensweg. Sie sollen individuell sein, aber bitte nicht zu anders. Sie sollen ihre Träume verfolgen, aber am besten mit einem vernünftigen Plan B. Und wenn sie mit Mitte zwanzig noch nicht wissen, was sie eigentlich wollen, geraten wir in Sorge.
Mehr Dolly Parton wagen
Wir bewerten ihre Leistungen, vergleichen ihre Wege und wollen sie vor Enttäuschungen und falschen Entscheidungen schützen. Natürlich alles aus den besten Absichten heraus. Aber wer nie wirklich scheitern darf, lernt auch nicht, dass man wieder aufstehen kann. Wer ständig bewertet wird, wartet irgendwann darauf, dass andere ihm sagen, ob er gut genug ist. Und wer permanent mit anderen verglichen wird, verliert vielleicht irgendwann das Gefühl dafür, was er selbst eigentlich möchte.
Dolly Parton hatte vermutlich keinen Persönlichkeitstest, der ihr erklärte, welche Karriere zu ihr passt, keinen Coach für ihre Personal Brand und niemanden, der ihr sagte, wie viele Schritte sie noch von ihrem persönlichen Erfolg entfernt war. Sie hatte eine Idee von sich selbst und den Mut, diese Idee ernst zu nehmen. Natürlich war sie ein außergewöhnliches Talent. Selbstbewusstsein allein macht aus niemandem einen Weltstar. Aber es kann den Mut geben, es überhaupt zu versuchen.
Und damit sind wir bei unserer Reihe „Reden wir darüber“.
Reden wir darüber
Denn vielleicht reden wir viel zu selten über Selbstwert. Wir sprechen über Bildung, Karrierechancen und die Fähigkeiten, die junge Menschen für die Zukunft brauchen. Aber vielleicht wäre es mindestens genauso wichtig, ihnen etwas mitzugeben, das in keinem Lehrplan steht: die Überzeugung, dass ihr Wert nicht davon abhängt, wie gut sie in der Schule sind, wie viele Follower sie haben oder ob ihr Lebenslauf mit 30 schon aussieht wie die Erfolgsgeschichte eines DAX-Vorstands.
Vielleicht sollten wir unseren Kindern und Enkeln wieder öfter sagen, dass sie nicht erst etwas Besonderes leisten müssen, um etwas wert zu sein. Dass sie Zeit haben dürfen, ihren Weg zu finden. Dass Scheitern nicht das Ende der Welt ist und dass man nicht jeden Traum sofort in einen Businessplan verwandeln muss.
Dolly Parton hatte den Mut, an sich zu glauben, lange bevor sie berühmt und reich war. Sie hatte offenbar mehr Vertrauen in ihre Zukunft als so mancher junge Mensch heute, der alle Chancen der Welt vor sich hat.
Vielleicht sollten wir uns deshalb nicht fragen, was der Jugend von heute fehlt.
Vielleicht sollten wir uns fragen, was wir ihr nicht mitgegeben haben.
Reden wir darüber.
Ebenso lesenswert ist der Beitrag unserer Gastautorin Michèle Halder : Erziehen wir glückliche Menschen?