Pompeji – ein Tag ist nicht genug
Als die Götter die Welt verließen
Sonja und Jacqueline waren unterwegs in Italien. Mit dem Mietwagen reisen sie von Neapel nach Positano, dem idyllischen Ort an der Amalfiküste. Von dort aus erkunden sie die Gegend. Einer ihrer Ausflüge führt in die antike Stadt Pompeji.
Positano – steile Gassen, türkisblaues Wasser, Postkartenidylle! Das malerisches Küstendorf an der berühmten Amalfiküste ist bekannt für seine bunten Häuser, die steil den Hang hinunter zum Meer gebaut sind, sowie für enge Gassen, kleine Boutiquen und Strände. Wirklich idyllisch, aber auch nicht ganz ohne Tücken. Es führt nur eine Straße nach Positano, nämlich die Küstenstraße Strada Statale 163 – die Amalfitana. Die ist so spektakulär wie herausfordernd. Sie schlängelt sich in vielen Kurven entlang steiler Klippen, bietet atemberaubende Ausblicke auf das Meer, ist aber nix für Feiglinge, denn sie ist:
- sehr schmal
- oft stark befahren
- stellenweise etwas nervenaufreibend
Ich war wirklich froh, dass unser Mietwagen ein Fiat 500 war, denn wer in Positano unterwegs ist und die Umgebung erkunden möchte, sollte bedenken, dass die Strada Statale 163 Amalfitana alles andere als eine Schnellstraße ist. Ich kenne sie jetzt wie meine Westentasche, denn ich bin sie jeden Tag hin und zurück gefahren, je nachdem, welchen Ausflug wir gemacht haben. Ravello, Massa Lubrense, Sorrent oder Pompeji. Wobei Pompeji mich bis heute beschäftigt.
Pompeji - die antike Stadt
Glücklicherweise hatten wir unsere Tickets für den Besuch schon vorab online gebucht, was ich unbedingt empfehle, denn für Pompeji gibt es feste Besucher-Zeitfenster, und bei über 25.000 Besuchern täglich kann es sonst schnell stressig werden. Vor Ort lief dann alles erstaunlich entspannt: ausreichend Parkplätze, gute Beschilderung, kein langes Anstehen. Und: Glück gehabt – es war nicht zu heiß.
Wir hatten uns bewusst diesmal gegen einen Guide entschieden, denn für uns beide war es der erste Besuch in Pompeji und wir wussten nicht wirklich, was uns erwartet. Stattdessen hatten wir eine Karte in der Hand, viele Fragen im Kopf – aber auch die Freiheit, uns treiben zu lassen. Und genau das war richtig. Pompeji ist riesig. Keine Theaterkulisse, kein „Freilichtmuseum“, sondern eine ganze Stadt. Hier gibt es so viel zu erkunden: Straßen, Häuser, Tempel, Plätze, Gärten – und überall Spuren einer bewegenden menschlichen Geschichte.
Die Götter waren uns hold an unserem Tag in Pompeji. Die antike Stadt war nicht leer, aber auch nicht erdrückend voll mit Besuchern. Nur an einem Ort wurde es plötzlich eng: am Lupanar.
Was ist das Lupanar?
Von der Hauptstraße, der Via dell’Abbondanza, biegen wir in eine kleine Gasse ab. Vorbei an den öffentlichen Bädern, den Stabianer Thermen geht es in die Vicolo del Lupanare, die Lupanar Gasse. Das Lupanar ist das bekannteste Bordell in Pompeji und zählt heute zu den eindrucksvollsten Fundorten der Ausgrabungen. Ich musste nachschauen, aber der Begriff „Lupanar“ leitet sich vom lateinischen Wort lupa ab, das „Wölfin“ bedeutet und im übertragenen Sinne für Prostituierte verwendet wurde.
Das Gebäude wurde gezielt für die Ausübung von Prostitution errichtet und unterscheidet sich damit von anderen Orten, an denen diese Tätigkeit eher nebenbei stattfand – und das nicht zu knapp. Sexualität scheint nicht gerade verpönt gewesen zu sein in Pompeji.
„Das Erdgeschoss des Lupanars verfügt über 2 Eingänge, fast wie eine kleine Einkaufspassage.“
Fünf kleine Kammern liegen beiderseits des Gangs. In jeder Kammer befindet sich ein gemauertes Bett. Besonders auffällig sind die Wandmalereien. Über den Türen sind Sexszenen an die Wand gemalt, Paare sind in verschiedenen erotischen Stellungen zu sehen. Diese Bilder dienten vermutlich nicht nur der Dekoration, sondern auch als Orientierung für Kunden, die häufig nicht lesen konnten. Sie zeigten gewissermaßen das „Angebot“ der Prostituierten. Die Wände in den Zimmern sind ebenfalls mit vielen obszönen Graffiti und Sprüchen „verziert“.
Bezahlt wurde in Assen. Ein Besuch im Lupanar kostete zwischen 2 und 8 Asse. Zum Vergleich, für ein Glas Wein bezahlte man damals 1 Ass. Kurz gesagt, eine Prostituierte in Pompeji kostete oft nur so viel wie ein einfaches Essen oder ein paar Getränke.
Sex an jeder Ecke
Neben dem Lupanar gab es in Pompeji jedoch noch viele weitere Orte, an denen Prostitution stattfand. Archäologische Forschungen gehen davon aus, dass es in der Stadt etwa 20 bis 30 Bordelle oder bordellartige Einrichtungen gab. Dazu zählten auch Zimmer in Gasthäusern, Hinterräume von Bars und auch private Häuser. All das zeigt, dass Prostitution ein fester Bestandteil des städtischen Lebens war und weit verbreitet existierte.
Hier ein Bild, das ich an einem anderen Haus fand.
Den ganzen Tag schlenderten wir durch Pompeji, von Haus zu Haus, von den Gärten zum Amphitheater, von Tempeln bis zu den Grabstätten außerhalb der Stadt. An jeder Ecke gab es etwas zu besichtigen, zu bestaunen und dabei wurden wir immer neugieriger…
Wieviel wissen wir eigentlich über Pompeji?
Zu dieser Frage kam ich nach unserem Besuch. Und mir war klar: Ich komme wieder, aber wo erfahre ich mehr über diese Stadt? Hier kann ich auf ein sensationelles Buch von Gabriel Zuchtriegel verweisen. Ein wirklich ohfamooses Buch, das mein Freund Walter mir zu diesem Thema geschenkt hat.
Gabriel Zuchtriegel studierte in Berlin und Rom Archäologie und griechische Literaturgeschichte. Nach verschiedenen wissenschaftlichen Tätigkeiten in Italien übernahm er leitende Positionen im Denkmalschutz. Wirklich bekannt wurde er jedoch vor allem, als er im April 2021 zum Direktor des Archäologischen Parks von Pompeji ernannt wurde. Sein Ziel ist es, die antike Stadt nicht nur als Ruine zu zeigen, sondern als lebendige Gesellschaft mit all ihren sozialen Strukturen. Deshalb ist er neben seiner Arbeit als Archäologe auch als Autor tätig. Und in seinem 2025 erschienen Buch Pompejis letzter Sommer – Als die Götter die Welt verließen, verbindet er viele wissenschaftliche Erkenntnisse mit Geschichten über die Antike und macht so Geschichte für ein breites Publikum zugänglich.
Pompejis zweiter Untergang
So berichtet Zuchtriegel, dass von insgesamt 66 Hektar Fläche seit dem Jahr 1748 etwa 44 Hektar ausgegraben wurden. Über 13.000 Räume, davon viele mit verputzten Wänden, die mit Fresken geschmückt sind. Und hier liegt das Hauptproblem Pompejis: sobald diese Räume ausgegraben sind, beginnt deren Rettung. Denn Wind und Wetter, Feuchtigkeit und Pilzbefall greifen die Mauern und Wände an.
Als wäre das noch nicht genug, gibt es unter den Millionen von Besuchern und Besucherinnen, die jährlich kommen, leider auch eine kleine Minderheit, die es für eine gute Idee hält, ihre Namen auf antiken Wänden zu verewigen oder Mosaiksteinchen als Souvenirs mitzunehmen. Seit der Installation von Überwachungskameras habe sich die Situation jedoch merklich gebessert, schreibt Zuchtriegel.
Außerdem helfe die Legende eines Fluches, der auf allen liegt, die etwas aus Pompeji mitgehen lassen – weshalb monatlich Päckchen aus aller Welt eintreffen, in denen Leute Lapilli oder Mosaiksteinchen zurückschicken, nicht selten begleitet von einer Auflistung der Schicksalsschläge, die sie erlitten haben.
Pompejis letzter Sommer
Im Buch habe ich dann sehr viel über diese berühmte Stadt nachgelesen. Zuchtriegel erklärt, dass Pompeji lange als „eingefrorener Moment“ gesehen wurde. Er zeigt jedoch: Die Stadt war im Wandel, voller Konflikte und Veränderungen. Er beschreibt den Alltag der Bewohner Pompejis: enge Straßen, Werkstätten, Villen. Die Gesellschaft ist stark hierarchisch – Reiche leben komfortabel, während die Mehrheit unter einfachen Bedingungen lebt. Sklaverei ist allgegenwärtig und prägt das Leben entscheidend. Viele Menschen sind rechtlos und abhängig. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr die römische Gesellschaft auf Ausbeutung basierte.
Gewalt gehörte ebenfalls zum Alltag: Gladiatorenspiele, öffentliche Strafen und politische Spannungen. Die Stadt war kein friedlicher Ort, sondern von Konkurrenz und Unsicherheit geprägt.
Als die Götter die Welt verließen
Die letzten Wochen vor dem Ausbruch. Nichts deutete auf die kommende Katastrophe hin. Und doch rumorte es unter der Oberfläche. Die Stadt war im Jahr 63 n. Ch. schon einmal von einem starken Erdbeben erfasst worden. Aber niemand wollte Panik schüren. Das war schlecht für das Geschäft.
Und so zerstört der Ausbruch des Vesuvs im Sommer 79 n. Ch. Pompeji in mehreren Phasen.
Zu Beginn des Ausbruchs stieg eine riesige Asche- und Rauchwolke in den Himmel. Viele Bewohner erkannten zunächst nicht die Gefahr und beobachteten das Geschehen. Doch schon bald begann ein dichter Regen aus Asche und Bimsstein auf die Stadt niederzugehen. Dächer brachen unter der Last zusammen, Straßen wurden blockiert, und die Luft wurde zunehmend schwer und kaum noch atembar.
Mit der Zeit breitete sich eine fast vollständige Dunkelheit aus, obwohl es eigentlich Tag war. In dieser unheimlichen Finsternis versuchten viele Menschen, sich zu orientieren und einen Fluchtweg zu finden. Einige flohen aus der Stadt, andere suchten Schutz in ihren Häusern. Familien blieben zusammen, hielten sich fest und hofften, die Katastrophe zu überstehen.
Die entscheidende und tödlichste Phase begann, als sogenannte pyroklastische Ströme die Stadt erreichten. Diese heißen Gas- und Aschewolken bewegten sich mit hoher Geschwindigkeit und enormer Hitze auf Pompeji zu. Für viele Menschen kam der Tod plötzlich und ohne Vorwarnung. Sie starben innerhalb kürzester Zeit durch extreme Hitze und giftige Gase.
Die heute bekannten Gipsabdrücke der Opfer zeigen eindrucksvoll die letzten Augenblicke: Menschen, die sich schützend zusammenkauerten, Eltern, die ihre Kinder umarmten, und andere, die im Versuch zu fliehen zusammenbrachen. Diese Momentaufnahmen machen das Ausmaß der Katastrophe bis heute greifbar.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die letzten Momente in Pompeji von Chaos, Angst und Hoffnung geprägt waren. Der Vesuvausbruch zerstörte nicht nur eine Stadt, sondern beendete innerhalb weniger Stunden tausende Leben und hinterließ ein eindrucksvolles Zeugnis menschlicher Tragödie und Naturgewalt.
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Dieses Video auf YouTube erklärt den Ausbruch des Vesuvs und die damit verbundene Tragödie Pompejis sehr gut.
Pompeji hat uns gezeigt, wie vergänglich alles ist – zwischen antiken Straßen und lebendiger Küste haben wir gelernt: den Moment einfach zu genießen. Und das machen Jacqueline und ich mit Hingabe. Die nächste Reise durch Frankreich ist schon in Planung.
Wer gerne noch mehr über Italien lesen möchte, dem empfehle ich die Beiträge von Sabine Tonscheidt:
Kampanien und Büffelmozzarella
Ja, Pompeij… eine wirklich faszinierende Geschichte, zugleich gezeichnet von menschlichem Schicksal. Ich war im Januar erstmals da und habe die Zeit fernab des Massentourismus sehr genossen. Danke für das Wiederaufleben der Erinnerungen, Sonja!