Samarkand
Märchenkuppeln und dampfender Plov
Schon der Name Samarkand klingt wie aus einem orientalischen Märchen. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt über Jahrhunderte einer der wichtigsten Orte entlang der Seidenstraße war. Händler, Wissenschaftler und Eroberer zogen hier vorbei. Für Sonja war es die zweite Stadt, die sie in Usbekistan besucht hat.
Früh morgens ging es für uns mit dem Schnellzug Afrosiyob nach Samarkand. Dank unserer kompetenten Reiseleitung mussten wir uns um nichts kümmern. So konnten wir uns noch einen Kaffee besorgen und gemütlich am Bahnsteig auf den Zug warten, der wirklich alle meine Erwartungen übertraf. Pünktlich, sauber und mit super nettem Personal. Auch das gastronomische Angebot war gut und alles wurde am Platz serviert. So kamen wir nach zweieinhalb Stunden in Samarkand an.
Diese Stadt ist wunderschön. Anders als das eher weitläufige und sowjetisch geprägte Taschkent wirkt Samarkand viel ruhiger und feiner. Keine Hochhäuser weit und breit. Überall leuchten türkisfarbene Kuppeln, kunstvolle Mosaike glitzern in der Sonne und zwischen den Monumenten öffnen sich immer wieder kleine Innenhöfe und Gärten.
Das Gur-e-Amir Mausoleum
Da unsere Hotelzimmer noch nicht fertig waren, besichtigten wir gleich nach unserer Ankunft das Gur-e-Amir Mausoleum. Es ist das berühmte Mausoleum des zentralasiatischen Herrschers Timur (Tamerlan) in Samarkand. Der Name bedeutet übersetzt etwa „Grab des Königs“ oder „Grab des Herrschers“.
Das Bauwerk gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Samarkands und gilt als Meisterwerk der timuridischen Architektur. Schon von außen beeindruckt die riesige gerippte, türkisfarbene Kuppel, die fast zum Symbol der Stadt geworden ist. Das Gur-e Amir hat mich besonders beeindruckt, weil es nicht nur das Mausoleum des berühmten Eroberers ist, sondern auch als Vorbild für spätere Bauwerke wie das Taj Mahal gilt.
Registan
In Usbekistan jagt ein eindrucksvolles Bauwerk das Nächste. Der Registan in Samarkand ist dabei wohl der beeindruckendsten Platz entlang der Seidenstraße. Schon beim ersten Blick auf die gewaltigen Fassaden mit ihren blauen Mosaiken wird klar, warum dieser Ort als Herzstück der historischen Stadt gilt. Über Jahrhunderte war der Registan das politische, kulturelle und religiöse Zentrum Samarkands. Händler, Gelehrte und Reisende aus allen Teilen Asiens kamen hier zusammen.
Besonders faszinierend sind die drei Koranschulen, die den Platz umrahmen. Die älteste ist die Ulug-Beg-Madrasa aus dem 15. Jahrhundert, benannt nach dem berühmten Astronomen und Herrscher Ulug Beg. Ihr gegenüber steht die Sher-Dor-Madrasa mit ihren auffälligen Darstellungen von Tigern, die für islamische Bauwerke eher ungewöhnlich sind. Die dritte Koranschule ist die Tilla-Kari-Madrasa, deren Name „mit Gold bedeckt“ bedeutet. Ihr prachtvoll vergoldeter Innenraum zählt zu den schönsten in ganz Zentralasien.
Mindestens genauso wunderschön wie die Fassaden, sind die Innenhöfe der Madrasen. Dort herrscht eine ruhige Atmosphäre, weit entfernt vom Trubel der Stadt. Umgeben von kunstvoll verzierten Arkaden und kleinen ehemaligen Studentenräumen kann man sich leicht vorstellen, wie hier einst gelehrt, diskutiert und gelernt wurde.
Der Registan ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern ein Ort, an dem die Geschichte der Seidenstraße bis heute lebendig bleibt.
Nach so vielen Eindrücken durften wir uns ein paar Stunden ausruhen, bevor wir zu unserem Gastgeber nachhause fuhren.
Ein Abend bei Shavkat – und der beste Plov der Reise
Das schönste Erlebnis in Samarkand hatte allerdings nichts mit Architektur zu tun. Unser Reiseleiter Shavkat lud uns eines Abends zu sich nach Hause ein und bereitete persönlich Plov für uns zu – das usbekische Nationalgericht.
Schon die Zubereitung war fast eine Zeremonie. In einem großen Kessel briet er zunächst Fleisch und Zwiebeln an, danach kamen Karotten, Gewürze und schließlich der Reis dazu. Jeder Handgriff wurde liebevoll von Shavkats Frau überwacht.
Während der Reis langsam garte, erzählte Shavkat Geschichten über seine Familie, über Usbekistan und darüber, dass jede Region ihr eigenes Plov-Rezept habe. Natürlich bekamen wir am Ende auch „das echte Rezept“ mit auf den Weg. Und tatsächlich: Kein Restaurant der Reise konnte mit diesem Abend mithalten. Vielleicht lag es am Essen. Vielleicht aber auch einfach daran, dass wir für ein paar Stunden nicht Touristen waren, sondern Gäste.
Kunst und Tradition
Am nächsten Morgen regnete es. So warm, wie es am Tag zuvor war, waren wir dankbar für die Abkühlung. Mit dem Reisebus ging es ins Dorf Konigil bei Samarkand. Dort wird bis heute Papier nach alten Seidenstraßen-Techniken aus Maulbeerbaumrinde hergestellt – komplett ohne moderne Chemie, dafür mit viel Handarbeit.
Die Stücke sind nicht industriell standardisiert, sondern leicht unterschiedlich in Struktur und Farbe – genau das macht den Reiz aus. In einer kleinen Werkstatt wurde uns gezeigt, wie aus der Rinde von Maulbeerbäumen seit Jahrhunderten Papier hergestellt wird. Das berühmte Samarkand-Papier galt schon zur Zeit der Seidenstraße als besonders hochwertig.
Es war faszinierend zu sehen, wie viel Handarbeit dahinter steckt: das Einweichen der Fasern, das Schöpfen, Pressen und Trocknen. In einer Welt voller Bildschirme und Schnelllebigkeit wirkte diese alte Technik fast meditativ.
Auch die Keramikwerkstätten kann man in Konigil besichtigen. Die typischen roten Muster begegnen einem auf Gebrauchsgegenständen wie z.B. auf Tellern oder Vasen. Die blauen Muster erinnern an die gewaltigen Mosaike der Moscheen und Medresen.
Besonders schön fand ich, dass vieles noch tatsächlich von Hand gefertigt wird. Kleine Unregelmäßigkeiten machen die Stücke oft gerade erst lebendig. Und das handgeschöpfte Papier kann man sogar in Konigil online bestellen.
Die Nekropole Shah-e Zinda
Ich gebe zu: Nicht jeder bekommt sofort leuchtende Augen, wenn das Thema „usbekische Architektur des 15. Jahrhunderts“ aufkommt. Aber selbst wer mit der Geschichte Usbekistans bisher wenig anfangen konnte, ist von den Bauwerken in Samarkand fasziniert.
Man muss kein Historiker sein, um die Schönheit dieses Ortes zu erkennen. Auch die Nekropole Shah-e Zinda ist einer dieser Orte, die selbst Kulturmuffel zumindest für einen Moment zum Staunen bringen. Der Name bedeutet „Der lebende König“, und der Ort zählt zu den wichtigsten Heiligtümern Usbekistans. Insofern waren wir auch nicht überrascht, wie viele Menschen sich hier tummelten.
Die Anlage besteht aus einer langen Reihe prachtvoller Mausoleen, die zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert errichtet wurden. Der Name „Shah-i-Zinda“ bezieht sich auf Kusam ibn Abbas, einen Cousin des Propheten Mohammed, der der Überlieferung nach hier begraben sein soll.
Besonders bemerkenswert sind die intensiv blauen und türkisfarbenen Keramiken, die das Ensemble zu einem der schönsten Beispiele islamischer Baukunst in Zentralasien machen. Viele Angehörige der Timuriden-Dynastie sowie bedeutende Persönlichkeiten wurden hier bestattet, weshalb die Anlage auch ein wichtiges Zeugnis der Geschichte Samarkands ist.
Wer also beim Registan von den Fassaden beeindruckt ist, erlebt bei Shah-i-Zinda eine Art „Best-of der usbekischen Fliesenkunst“.
Der Friedhof unterhalb von Shah-i-Zinda ist kein „normaler“ Friedhof im europäischen Sinn, sondern Teil eines seit Jahrhunderten bedeutenden Pilger- und Begräbnisortes. Die gesamte Anlage von Shah-i-Zinda ist eine Nekropole – also eine Totenstadt. Der Friedhof am Fuß des Hügels wird heute noch immer genutzt. Viele Familien aus Samarkand und Umgebung betrachten eine Beisetzung in der Nähe von Shah-i-Zinda als besondere Ehre und als Zeichen religiöser Verbundenheit.
Weinprobe in Samarkand?
Zum Abschluss einer Stadtbesichtigung in Samarkand gibt es kaum etwas Besseres, als den Tag ganz entspannt bei einer Weinprobe ausklingen zu lassen. Gesagt, getan! Im Reisebus ging es ein paar Straßen weiter zum „Khovrenko-Weingut“.
Wem dieser Reisebericht gefallen hat, dem empfehle ich, meinen Besuch in Taschkent
Ebenfalls empfehlenswert ist das Tagebuch von Volker Raddatz: Einmal Indien und Retour.