Liebe jenseits von Herzchen und Klischees
18 Interviews in einem Buch: Alles Liebe
Was ist Liebe? Und was haben eine Schönheitschirurgin, der Direktor des Züricher Zoos, eine Bogenschützin und zwei frühere Obdachlose gemein? Sie – und 18 andere Menschen – sind von der Autorin Barbara Schmutz interviewt worden. Zur Liebe eben, diesem großen Gefühl, das jede*r spüren möchte, nicht alle jedoch finden und/oder bewahren können. Entstanden ist das lesenswerte Buch „Alles Liebe“, das in 18 Kapiteln und stets in Gesprächsform von romantischer Liebe und Freundschaft, von Spiritualität und Leidenschaft, aber auch von Schmerz, Verlust, Einsamkeit und Sehnsucht erzählt. Elke hat es gelesen, hier ihre Rezension.
Finden wir die Liebe oder findet die Liebe uns? Vielleicht kommt dir die Frage bekannt vor, Barbara Schmutz hat sie der Philosophin Federica Gegoratto gestellt. Deren Antwort lautet:
„Beides. Eine Sache ist es, verliebt zu sein, eine andere ist die Liebe. Verliebt zu sein ist etwas, was mir geschieht. Ich kann nicht entscheiden, verliebt zu sein, ich bin es oder bin es nicht. Die Liebe hingegen kann ich kultivieren, ich kann sie hegen und pflegen. Für die Liebe entscheide ich mich.“
Die Journalistin Barbara Schmutz hat in ihrem neuen Buch, das im Kein & Aber Verlag erschienen ist, viele Fragen gestellt, teilweise auch dieselbe, zum Beispiel die, ob Liebe Humor brauche. (Ich persönlich finde, ohne geht gar nicht (was denkt Ihr?!).
In 18 Gesprächen nähert sie sich der Liebe nicht als kitschigem Ideal, sondern als vielschichtigem Lebensgefühl.
Die Autorin selbst beschreibt Liebe als ein großes und schillerndes Gefühl. Arbeit sei sie, schreibt Schmutz, und zitiert bereits im Vorwort die Pfarrerin Ella de Groot, die Liebe so definiert: „Die Liebe so zu leben, dass sie mein Gegenüber weder klein noch groß macht, sondern ihm gerecht wird.“
Liebe sei kompliziert, Herausforderung und Leichtigkeit zugleich. „Sie kann Glück und Unglück bringen“, notiert Schmutz und die Gegensätze Höhenflug und Absturz, Nähe und Distanz, Alltag und Abenteuer sowie Macht und Ohnmacht.
Weit mehr als nur zwischenmenschlich
Schnell wird beim Lesen klar: Das Buch denkt Liebe weit über die klassische Paarbeziehung hinaus, beschäftigt sich beispielsweise auch mit der Liebe zur Mutter, der Liebe zwischen Mensch und Roboter und im Kapitel über die Tierliebe erfragt Schmutz, wie wichtig es für uns Menschen sei, Tiere lieben zu können (und was wir da alles falsch machen können …)
Zoodirektor Severin Dressen vergleicht die Liebe – wäre sie ein Tier – übrigens mit einer Koralle:
„Wir verstehen die Koralle nicht so ganz. Sie wirkt mysteriös und ist gleichzeitig wunderschön. Wie die Liebe.“
Mir haben die unterschiedlichen Perspektiven im Buch gut gefallen: Wenn eine Kitesurferin über ihre emotionale Bindung zu Dingen spricht oder ein Abt über die Liebe zu Gott. Spannend auch das Interview mit dem Philosophen Peter Trawny, der zudem über die Polyamorie spricht, über Eifersucht, Liebesleid und Kränkungen. Er beschreibt Liebe als etwas, das sich jeder Kontrolle entziehe und gerade deshalb kostbar bleibe. Auf die Frage, ob sich Freiheit und Liebe tatsächlich ausschließen würden (in seinem eigenen Buch stellt Trawny diese These auf), antwortet er u.a.:
Viele Kluge Gedanken
Das Buch liefert viele kluge Gedanken, persönliche Geschichten und überraschende Einsichten. Wer die eine Definition der Liebe sucht, wird sie hier nicht finden. Aber vielleicht das: Ein tieferes Verständnis dafür, wie vielfältig und widersprüchlich dieses große Gefühl sein kann, und von welchen Erwartungen man sich verabschieden darf: Dass Liebe nur harmonisch sei.
So antwortet die Pianistin und Politikerin Simonetta Sommaruga auf die Frage, was die Liebe nicht ertrage: Eine Beziehung, die nur von Harmonie geprägt sei, „wäre eine künstliche Situation, die komplette Abwesenheit von Ambivalenz. Es gibt Zustände oder Situationen, die nicht so klar sind, nicht einfach gut oder schlecht. Manchmal ist es ein bisschen beides.“ Das gelte es auszuhalten.
Zusammen zu stolpern, bringe die Liebe zum Lachen, so Sommaruga – überaus ernst würde es, könne man danach nicht mehr aufstehen.
Schließen möchte ich meine Rezension mit einer Antwort der Journalistin Michèle Loetzner, die ein Buch über Liebeskummer geschrieben hat. Auf die Frage, welche Nahrung die Liebe brauche, sagt sie: Aufmerksamkeit. Der oder die andere müsse gesehen und gehört werden – im anderen Fall verkümmere die Liebe.
Immer wieder fragen müsse man sich: Bin ich in dieser Beziehung anwesend, mit allem da oder nur körperlich?
Hier findet Ihr das Buch zum Bestellen
Diese Artikel auf ohoo könnten Euch auch interessieren: