Plötzlich Oma & Opa
Große Gefühle, kleine No-Gos und die Kunst, sich zurückzuhalten
Vor fast zehn Jahren schrieb unser Gastautor Thomas Rietig hier bei ohoo noch über seine Söhne im „Hotel Mama“. Heute ist die Familie eine Generation weiter: Thomas ist inzwischen Opa. Was sich dadurch verändert hat, warum Großeltern besser beobachten als ungefragt Ratschläge geben sollten – und weshalb eine Enkelin mit ausgestreckten Armen selbst gestandene Journalisten zum Schmelzen bringt, erzählt er in seiner sehr persönlichen Zwischenbilanz.
Kaum sind gut zehn Jahre rum, seit unser Ältester das Hotel Mama verlassen hat, schon passiert wieder was: Wir sind jetzt Oma und Opa. Das zu werden, war nicht schwer, um ein vielstrapaziertes Sprichwort abzuwandeln. Es war sogar sehr einfach im Vergleich zu Erzählungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, wenn wir uns so umhören.
Großer Jubel im Sommer 2024
Als Sohn und Schwiegertochter uns das bevorstehende freudige Ereignis im Sommer 2024 mitteilten, war der Jubel groß. Es zeichneten sich wieder engere Familienbande ab. Wir beide hatten wieder eine echte Aufgabe, die das Rentnerdasein über einige Minijobs und Ehrenämter hinaus abwechslungsreich zu gestalten versprach. Wir sahen uns schon Kinderwagen schieben, mit dem Baby auf Teppich oder Spielplatz spielen, vorlesen und gegebenenfalls Windeln wechseln.
Nun ist die Kleine schon seit gut anderthalb Jahren auf der Welt. Ich muss hier nicht besonders erwähnen, dass unsere Enkelin das schönste, intelligenteste und sportlichste Kind überhaupt ist. Und das liebste. Da sind die ausgestreckten Arme, die signalisieren: „Ich will auf deinen Arm!“ Ein zutraulicher, manchmal auch verschmitzter Blick aus ihren blauen Augen reicht, und du schmilzt dahin.
In der Wohnung und auf Spielplätzen wetzt sie hin und her, dass uns die Verfolgung manchmal anstrengt. Wir schieben sie im Kinderwagen, spielen mit ihr auf dem Teppich, lesen ihr vor, und manchmal wechselt Oma sogar die Windel. (Opa wird da nicht drangelassen, ist aber auch nicht scharf drauf.)
Alles Kitsch oder was? Ja klar. Muss sein. Wer da nicht ein bisschen feuchte Augen kriegt, sollte über seine Gefühlswelt nachdenken.
Aber jetzt kommen wir zu unseren „Lessons learned“.
Als wir unsere Kinder erzogen, erinnerte ich mich an meine eigene Kindheit. Sie war glücklich in bescheidenen Verhältnissen mit äußerst liebevollen Eltern, und ich bin jeden Tag dankbar dafür. Aber einiges machten wir mit unseren Kindern dann doch anders, weil wir uns erinnerten, dass wir es damals nicht so gut fanden. Dieses Erinnern ans Erzogen-werden scheint mir bis heute ideal für die eigene Haltung beim Erziehen zu sein. Jedenfalls dann, wenn man nicht alles wiederholt, was einem widerfuhr, sondern es an den heutigen Gegebenheiten misst und entsprechend abwandelt.
So auch jetzt, nur eben eine Generation weiter. Wir erinnerten uns an unsere Eltern und daran, wie sie als Oma und Opa mit unseren Kindern interagierten. Der Unterschied: Sie hatten als junge Leute das NS-Regime und den Zweiten Weltkrieg erlebt, die Opas als Soldat bzw. Sanitäter, die Omas an der Heimatfront. Auf uns aber kann die Befürchtung: „Opa erzählt vom Krieg“ nicht zutreffen, glücklicherweise. Wir kennen aus eigenem Erleben „nur“ die Bundesrepublik mit ihrem Wirtschaftswunder, dem Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen, die in unserem Fall erfüllt wurden. Kurz: Wir waren von der Gnade der späten Geburt verwöhnt wie wohl noch nie eine Generation vor uns, vor allem nicht die unserer Eltern.
Ein Detail unserer Erfahrung mit Ratschlägen von Oma und Opa: Unser Sohn wollte, wohl wegen Dreimonatsblähungen, nur ungern einschlafen und weinte zum Steinerweichen. Nur mit stundenlangem Schaukeln war er zum Schlafen zu bewegen. „Lass’ ihn doch mal schreien. Wenn er merkt, dass keiner kommt, hört er schon von selbst auf“, riet die Oma. Gesagt, getan. Am nächsten Abend rief sie wieder an und hörte ihn schreien. „Warum schreit er denn so?“ Tja. Abhilfe brachten zunächst eine batteriebetriebene Schaukel von amerikanischen Freunden und schließlich der Ablauf besagter drei Monate. Heute bestimmen, wie wir staunend feststellten, Apps Schlafrhythmus und Tagesablauf von Mutter und Kind.
Ohne jetzt weiter ins Detail zu gehen, gab es also manches, was wir gegenüber unserer Enkelin anders machen wollten. Aber zunächst kam es nicht dazu. Es dauerte nämlich eine Weile, bis wir sie überhaupt zum ersten Mal live zu sehen bekamen. Und selbst die Fotos löschten sich bei WhatsApp, sobald wir sie einmal angeguckt hatten. Gefreut haben wir uns über diese Vorsichtsmaßnahme nicht.
Opa, rasier’ dich bitte vorher, du kratzt“
Beim ersten Treffen dann wurde der spontane Versuch, sie zu streicheln, sehr kritisch gesehen: „Nur dann im Gesicht, wenn sie das selbst will.“ Wollte sie nicht. „Opa, rasier’ dich bitte vorher, du kratzt“, sagte sie natürlich nicht. Aber sie war zwei Wochen alt, da will man trinken, Mama knutschen, vielleicht auch Papa, schlafen, verdauen, wachsen und hin und wieder schreien laut Luft ablassen. Und da erinnerte ich mich, wie ich mich vor vielen Jahrzehnten ein bisschen vor den Küssen meiner eigenen Oma – „ekelte“, ist vielleicht zuviel gesagt, aber gewollt habe ich damals bestimmt nicht, dass sie mich zu sehr liebkoste. Warum, weiß ich bis heute nicht. Aber darauf kommt es auch nicht an.
Also gut, ich streichelte ihr einmal kurz den Bauch. Sie meckerte nicht. Ihre Mama auch nicht. Für Berlinerinnen ist das so gut wie stehender Applaus bei Rheinländern. Ich fand ein Foto von mir aus den 1950-er Jahren, bei dem ich mir einredete, dass ich darauf der Kleinen ähnlich sehe, und tröstete mich damit. Ferner beschloss ich, sie quasi „remote“ anzubaggern, also sie nicht anzufassen, aber anzuschmunzeln, freundlich zu sein, ihr Vertrauen zu mir einzuflößen – was Mann eben so macht, wenn Mann rausfinden will, ob die Chemie stimmt.
Es klappte. Irgendwann interessierte sie sich für die kreisenden Zeiger meiner Armbanduhr. Ich schenkte ihr eine aus meinem Fundus. Irgendwann trug sie ein Bilderbuch zu mir hin und hörte mir zu, als ich ihr die fünf, sechs Wörter vorlas, die die darin abgebildeten Gegenstände beschrieben. Irgendwann kullerten wir einander einen Ball zu, ich saß im Schneidersitz auf dem Fußboden, und sie setzte sich ganz dicht neben mich und warf mir wieder diesen Blick zu. Ich schmolz dahin. Ehrlich gesagt, ist aber Oma noch beliebter, aber vielleicht ist es gut, wenn sie Männern gegenüber vorsichtig ist. Am liebsten mag sie Tiere. Einen Besuch im Wildgehege in unserer Nähe verschlief sie allerdings.
Der größte Fehler deines Lebens
Ganz schnell kamen die Zähne, ganz schnell lernte sie laufen. Bald ist es Zeit für den Witz: „Was war der größte Fehler deines Lebens?“ – „Aus dem Kinderwagen auszusteigen.“
Einmal fiel sie hin, verletzte sich nicht, erschrak aber und begann zu weinen, suchte und fand die Arme von Mama. Ich versuchte sie, mit dem Satz zu trösten: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ (Über die Verwendung des Wortes „Indianer“ für Mitglieder der First Nations diskutieren wir ein andermal.) Schon landete ich auf der Liste. „Das ist ein No-go. Sie soll ihre Gefühle zeigen, erst recht den Schmerz.“
Ja klar, ich wollte das materiell folgenlose Hinfallen auch nur bagatellisieren – denn es war eine Bagatelle –, ohne groß drüber nachzudenken. Aber selbst, wenn ich darüber nachdenke, scheint es mir angebracht, ihr anzudeuten, dass man, wenn man bloß erschrickt, nicht prinzipiell Zeter und Mordio bemühen muss, denn es muss in den akustischen Objektivationen noch Raum geben zur Eskalation, falls es einmal wirklich ernsthaft weh tut. Wir lernten jedenfalls an solchen und anderen Beispielen, dass großmütter- oder -väterliche Ratschläge zunächst nicht bei den Eltern verfangen, und gaben deshalb keine, außer wir wurden gefragt. Selbst dann waren wir oft nicht überzeugend.
Aber es gab in der Folge doch Momente, wo die harte Realität uns half und die theoretischen Weisheiten aus Ratgeberbüchern oder Apps oder ausgebildeten KinderexpertInnen aller Art tief in den Schatten stellte. Oder Momente, in denen eine gewisse methodische Inkonsequenz zu pragmatischen Anpassungen der Theorie an den situativen Kontext führte. Dass der Papa den Schnuller, der auf den Bürgersteig gefallen war, kurz ableckte und dann in den Mund des Kindes zurücksteckte, passierte natürlich nicht. Es gibt keinen Schnuller mehr. Gut, dann gibt es vielleicht auch keine Zahnlücke bei den vorderen Schneidezähnen mehr.
Autofahren gefiel ihr am Anfang ihres Lebens überhaupt nicht. Wenn sie in den kleinen Hartschalensitz gesetzt und angeschnallt wurde, ging das Geschrei los, und es hielt ungeachtet aller Beschwichtigungs-, Tröstungs- und Liebkosungsversuche mehr oder weniger bis zum Ziel an. Natürlich halfen auch ausformulierte Appelle im Sinne von: „Guck‘ mal, Papa und Mama sind doch auch angeschnallt“, oder: „Andere Kinder liegen auf der laufenden Waschmaschine, damit sie einschlafen. Da hast du es doch viel besser“, nicht weiter. Inzwischen hat sich das gelegt.
Wenn uns die Erinnerung nicht trügt, war das bei ihrem Vater, also unserem Sohn, anders. Spätestens als er einigermaßen aus den Fenstern gucken konnte, nahm er kontemplativ am Reisen teil, später jauchzte er gar, wenn es schnell auf der Autobahn zuging.
Nun sind wir in die Betreuung integriert …
… und es läuft im Großen und Ganzen alles nach Plan. Manchmal denken wir, dies und das könnte anders laufen. Aber wir sagen nichts, in der positiven Erwartung, dass die Realität, wenn nötig, korrigierend eingreift. Tatsächlich werden all die Klischees erfüllt, die man so kennt über Omas und Opas, ähnlich wie das bei der Eltern-Kind-Beziehung ist. „Es ist wunderschön, aber…“
Und wahrscheinlich verklärt sich mit den Jahren wieder alles zu einem pastellfarbenen inneren Gemälde der Vergangenheit, das vieles relativiert, vor allem – und das ist das wirklich Gute an selektiver Erinnerung – die Ereignisse, die uns in dem Moment, als sie passierten, ziemlich auf die Nerven gingen. Im Gegensatz dazu werden schwierige Begleitumstände positiver Ereignisse, etwa bei Schwangerschaft und Geburt aus Sicht der Mutter, im Nachhinein quasi wegretuschiert. Und es bleiben Bilder fürs Leben. Das war und ist bei den eigenen Kindern auch so.
Am Ende bleibt, was wir als JournalistInnen jahrelang gelernt und praktiziert haben: Wir beobachten die Entwicklung. Wir raten nur, wenn wir gefragt werden. Mit Schicksalsgenossinnen und Genossen in unserem Alter tauschen wir uns über Fragen der Großelternschaft aus, und da tut es gut, dass wir nicht alleine sind mit unseren Erfahrungen. Geteilte Freude ist eben doppelte Freude.
Noch gibt es jeden Tag etwas Neues. Neulich fütterte sie mich mit Weintrauben. Als ich mir die Augen wieder getrocknet hatte, fragte ich sie, ob sie bald aus dem Kinderwagen aussteigen wolle. Und sie hat eifrig genickt und „Ja!“ gesagt.
Tipps von ohoo für alle Großeltern, die Urlaubsziele mit ihren Enkeln suchen:
Thomas Rietig ist Journalist in Berlin. Zunächst arbeitete er als Lokalredakteur in Frankfurt am Main, dann in Bonn und Berlin fast 30 Jahre als Korrespondent, Reporter, Hauptstadtbüroleiter und stellvertretender Chefredakteur für den Deutschen Dienst der Nachrichtenagenturen Associated Press und der dapd. Seit die 2012 pleite ging, ist er freier Journalist und Autor. Eines seiner Spezialgebiete ist Verkehrspolitik.