Hampi – zwischen Tempeln und Affen
Indiens steinernes Märchen
Hampi, eine Stadt in Indien, wo einst ein mächtiges Königreich blühte und heute riesige Granitfelsen, Tempel und Ruinen von einer längst vergangenen Zeit erzählen. Dieses Etappenziel erreichen unsere Abenteurer in diesem Tagebucheintrag. Einmal Indien und Retour ist das spannende Tagebuch von Gastautor Volker Raddatz, das wir mit seiner Genehmigung hier als Serie veröffentlichen.
Chitradurga, 13. Januar 2005
Als wir Mysore verlassen, sehen wir noch die stattliche St. Philomenas-Kirche, die zu den größten in Indien gehört (neo-gotisch, 1930 erbaut). Auf schlechten Straßen und vorbei an endlosen Baustellen geht es weiter, bis wir die Außenbezirke von Bangalore (Garden City, auch bekannt als Silicon Valley India) erreichen. Hier und anderswo präsentiert sich Indien wieder einmal als Herausforderung für alle Sinnesorgane: das Auge bewundert bunte Saris und erschrickt beim Anblick verdreckter Behausungen. Das Ohr erfreut sich am Gesang des Eisvogels und leidet unter dem permanenten Verkehrslärm. Die Nase genießt den Duft der Gewürze und ist schockiert über den Gestank von Exkrementen und Tierkadavern. Die Zunge labt sich an erlesenen Speisen und schmeckt den täglichen Staub der Sandpiste. Die Hände befühlen zarte Seidenstoffe und weichen zurück vor der groben Tuchfühlung mit indiskreten Menschenmassen.
Auf der Weiterfahrt fällt uns auf, dass wir streckenweise durch menschenleere Gebiete kommen (keine Dörfer, keine Städte), dennoch aber das Land meist kultiviert ist: Zitrus, Banane, Baumwolle, Zuckerrohr, Sonnenblumen, dazwischen kahle Felsblöcke. Besonders ungewöhnlich ist der häufige Anblick von großen Windparks auf den Hügelkämmen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Stadt Chitradurga. Im Restaurant essen wir für 9 € zu viert ausgezeichnete indische Spezialitäten: Vegetable Khorma, Mutton Bhoona, Tandoori Chicken.
• Weitere Sprüche vom Verkehrsminister:
– „You can dodge the law, but you cannot dodge the death.“
– „Today’s inconvenience is tomorrow’s comfort.“
– „Drive slowly.“
Hampi, 14. Januar 2005
Zum Frühstück gibt es Chappati, Naan, Battura und Pappadam, dazu schmackhafte Sößchen. Für die Kaffeetrinker gibt es jeweils 1 großes Glas heiße Milch sowie Kaffee-Konzentrat in einem Schälchen. Während der Fahrt erleben wir Szenen auf der vielbefahrenen Fernstraße, die in Reiseführern über Indien gern geschildert werden: immer wieder liegen große Getreideballen flachgedrückt auf der Fahrbahn. Es handelt sich dabei um Hirse, deren Körner durch den rollenden Verkehr vom Stroh getrennt werden – eine Arbeit, die normalerweise als „dreschen“ bezeichnet und von Menschen verrichtet wird. Ein zweiter Schritt besteht darin, „die Spreu vom Weizen“ (hier: Hirse) zu trennen, indem man ganze Tablett-Ladungen in die Luft schleudert und den Wind die leichteren Bestandteile fortblasen lässt.
Hampi, 15. Januar 2005
Die Nacht auf der Dachterrasse unter dem Moskitonetz haben wir nicht nur unbeschadet (keine Mücken, keine Affen), sondern auch klimatisch sehr angenehm überstanden. Allerdings setzt, wie schon andernorts, am frühen Morgen eine buntgemischte Geräuschkulisse ein, eher störend als unterhaltsam: religiöse und weltliche Musik, Stimmengewirr, Verkehrslärm, Vogelgezwitscher, orale und anale Urlaute …
Wir fahren zeitweise durch nicht-kultiviertes Land (untypisch für Indien), das für Viehzucht genutzt wird: überall Ziegen- und Schafherden, die – wie schon in der Türkei, im Iran und in Pakistan – häufig die Straße überqueren. Ungewöhnlich ist das Nebeneinander von nacktem Felsgestein und Palmenwäldern. Bei der Ankunft in Hampi überrascht uns die große Menschenmenge, die sich durch die lange Reihe von Touristenläden wälzt – bis wir erfahren, dass die hohe Besucherzahl auf das hinduistische Neujahrsfest zurückzuführen ist, das heute gefeiert wird. Nachdem wir eine saubere Unterkunft gefunden haben (Fritz und Ilse schlafen im einzig verfügbaren Zimmer, während Birgid und ich auf Matratzen unter einem Moskitonetz die Nacht auf der Dachterrasse verbringen), schlendern wir zum Fluss, den man über einen Tempelbezirk erreicht. Dort spielen sich volkstümliche Szenen ab: Gruppen von Männern nehmen ein Bad (die Frauen bleiben in Ufernähe und befeuchten ihre Saris, um sich zu erfrischen); größere Gruppen warten ungeduldig auf den „Fährdienst“ zum anderen Ufer, der von einem halben Dutzend „Boote“ betrieben wird, die aussehen wie riesige kreisrunde Strohkörbe, deren Unterseiten durch eine Teerschicht wasserdicht sind. Besonders stimmungsvoll wird die Szene immer dann, wenn rivalisierende Warteschlangen lauthals versuchen, sich die wenigen Fährmänner gegenseitig abspenstig zu machen.
- Überall toben Affen herum, auch auf Dächern und Tempeln. Unsere Wirtin gibt uns für den Fall der Fälle einen harten Schlagstock.
Hampi (Vijayanagar) ist ein 25 qkm großes Gebiet, in dessen Einzugsbereich heute noch ca. 1000 verschiedene Bauten religiöser und weltlicher Prägung liegen, die Zeugnis ablegen von der Bedeutung der alten Königsstadt. Vijayanagar war einst die Hauptstadt eines der größten Hindu-Reiche in der Geschichte Indiens (Höhepunkt: 16. Jh.). Der weiträumige Komplex teilt sich in das „heilige Zentrum“ und das „königliche Zentrum“. Wir beginnen unsere Wanderungen in der Nähe der Unterkunft, am Hampi Basar, wo es heute im Vergleich zu gestern etwas ruhiger geworden ist. Eindrucksvoll ist der Virupaksha-Tempel, den wir besonders abends von der Dachterrasse aus bewundern können.
Nach dem Frühstück beginnen wir unsere ausgiebigen Runden. Die wichtigsten Stationen sind der Hernakuta-Hügel (4.5 m hohe monolithische Statue des Elefantengottes Ganesh); der Krishna-Tempel mit einem schönen Innenhof, die Skulptur der Inkarnation Vishnus als Narasimha. Die ebenfalls aus einem einzigen Felsblock herausgehauene Figur ist mit knapp 7 m die größte ihrer Art in Vijayanagar. Das vermutlich älteste Bauwerk des religiösen Zentrums ist der Narasimha-Tempel (Felsinschrift 1379).
Zwischen Tempel und Fluss formen herausragende Felsblöcke eine tiefe Spalte. Ockerfarbene und weiße Bänder, die an die Felsen gemalt sind, weisen den Ort als heilig aus. Auf dem Pilgerpfad entlang des südlichen Flussufers, der zum Vithala-Tempel führt, durchschreitet man ein hohes zweistöckiges Tor. Ein paar Meter weiter trifft man auf eine ungewöhnliche Konstruktion, bekannt als die Königswaage. Sie besteht aus zwei schlanken, mit Reliefs geschmückten Pfeilern und einem Sturz (Überhang), in dem 3 Ösen angebracht sind. Die daran hängende Waage ist schon seit langer Zeit verschwunden.
Der Vithala-Tempel gilt als das beste Beispiel religiöser Architektur in Vijayanagar. Man erreicht den Tempel nach einem längeren Fußmarsch (Durst!) und wagt zunächst einen Blick durch die hohen Umfassungsmauern. Prachtstück des Tempels ist die davor liegende offene Mandapa, lt. Inschrift aus dem Jahre 1554. Sie erhebt sich auf einem Sockel, der mit Friesen von Elefanten, Pferden und Reitern geschmückt ist. In kleinen Nischen sitzen Gottesfiguren. Das Dach wird von 56 Säulen getragen, von denen viele mit Tieren, Fabelwesen, Tänzern und Musikanten skulptiert sind. Östlich des Haupttempels steht ein Schrein für Garuda in Form eines Tempelwagens, der von Elefanten gezogen wird.
Mittelpunkt des königlichen Zentrums ist der Ramachandra-Tempel. Rama war neben Virupaksha die zweitwichtigste Gottheit, mit der sich die Vijayanagar-Herrscher identifizierten. In einem schönen Garten gelegen befinden sich ein größerer und ein kleinerer Tempel, verschiedene Säulenhallen und Pavillons. An den Außenseiten der Mauern, den säkularen Gebäuden zugewandt, befinden sich Darstellungen des höfischen Lebens, während die dem Tempel zugewandte Seite Episoden aus dem Ramayana erzählt. Der Rama-Tempel selbst besteht aus einem viereckigen Sanktum mit Säulenhalle. Die Ruinen der königlichen Paläste liegen in der Nähe des Ramachandra-Tempels. Es handelt sich um große, rechteckige Gebäude, von denen nur die Grundmauern sowie die Reste von Treppen, Balustraden und Steinfußböden zu sehen sind. Als Badeplatz der königlichen Familie diente das Wasserbecken mit symmetrisch angelegten Treppen, umgeben von Arkaden und überhängenden Balkonen.
Lotos Mahal ist ein zweistöckiger Pavillon, der hinduistische und islamische Elemente miteinander vermischt. Das größte Gebäude des öffentlichen Bereichs sind die Elefantenställe. Sie bestehen aus jeweils 5 viereckigen Kammern und sind mit unterschiedlichen Kuppeln bedeckt. Die stundenlangen Wanderungen sind nicht nur vor dem o.g. kulturellen Hintergrund interessant, sondern auch im Hinblick auf die reizvolle und abwechslungsreiche Umgebung. So durchqueren wir steiniges Felsgelände bei sengendem Sonnenschein, aber auch grün-gelbe Bananen-Plantagen, die uns Schatten spenden und darüber hinaus Aufschluss geben über die ausgefeilte Technik der Be- und Entwässerung.
Insgesamt ein äußerst lohnender Tag, den wir mit einem schönen Essen in einem Basar-Restaurant beschließen. Als wir zu später Stunde in unser Gasthaus zurückkehren, werden wir Zeugen eines privaten Schulunterrichts, der – besucht von ca. 30 Kindern und geleitet von unserer Wirtin – auf der Dachterrasse stattfindet. Thema: Kannada, Sprache von Karnathaka. Ende: 21:00.
Wie alles begann
Wer die Tagebuchreihe nicht kennt, dem empfehlen wir die ersten Beiträge zu lesen. Einfachheitshalber haben wir die ersten 5 Etappen hier aufgeführt:
Los geht’s: Einmal Indien und Retour
Wir wünschen viel Freude beim Lesen und Entdecken.
Prof. Dr. Volker Raddatz ist emeritierter Professor für Fachdidaktik Englisch an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Fremdsprachendidaktik und hat sich über Jahrzehnte hinweg für die Verbindung von Theorie und Praxis im Englischunterricht eingesetzt.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen im interkulturellen Lernen, in der postkolonialen Literatur- und Kulturvermittlung sowie in English for Specific Purposes (ESP). Dabei legte er großen Wert auf einen Unterricht, der sprachliche, kulturelle und gesellschaftliche Aspekte miteinander verknüpft.
Raddatz veröffentlichte zahlreiche Fachbeiträge und war Herausgeber wissenschaftlicher Sammelbände, darunter Innovationen im Fremdsprachenunterricht (Band 1: Offene Formen und Frühbeginn). Neben seiner akademischen Tätigkeit engagierte er sich in der Lehrerbildung und in internationalen Projekten zum Fremdsprachenlernen.