Was gelingt, ist auch eine Nachricht
Die Welt ist viel mehr als ihre Krisen
Wer Tagesschau oder andere Nachrichten sieht, landet schnell mitten in Krieg, Konflikt und Katastrophe. Das ist Realität und muss berichtet werden. Aber ist es die ganze? Muss Berichterstattung deshalb so sein, wie sie ist? Lasst uns darüber reden!
Kürzlich habe ich die Tagesschau um 20 Uhr angeschaltet. Bilder von Bombenangriffen auf Kiew. Zerstörung, Verletzte, Krieg. Später wurden in heute journal und Tagesthemen ausführliche Berichte dazu angekündigt.
Ich habe ausgeschaltet. Geht es Euch auch so? Kennt Ihr dieses Gefühl, mit solchen Bildern nicht schlafen gehen zu können? Aber auch das beklemmende Gefühl auszuschalten, während andere diese Realität gerade erleben müssen? Ist das vernünftiger Selbstschutz – oder beginnt genau dort Nachrichtenvermeidung?
Nachrichtenvermeidung ist längst kein Randphänomen
Offenbar bin ich damit nicht allein. Im Digital News Report 2026 sagen weltweit 42 Prozent, dass sie Nachrichten manchmal oder häufig vermeiden. Für Deutschland meldet das Leibniz-Institut für Medienforschung sogar 72 Prozent, die Nachrichten zumindest gelegentlich aus dem Weg gehen. Häufig geht es dabei nicht um einen kompletten Ausstieg, sondern um bestimmte Krisenthemen oder Tageszeiten. Einer der wichtigsten Gründe: Nachrichten drücken auf die Stimmung.
Sonja hat schon 2022 auf ohfamoos darüber geschrieben. Mich interessiert heute vor allem die Frage: Was folgt daraus?
Müssen Nachrichten anders werden?
Müssen Nachrichten anders werden, wenn so viele Menschen ihnen zeitweise ausweichen? Oder wäre das gerade der falsche Schluss – weil Nachrichten eben nicht dafür da sind, uns mit einem guten Gefühl ins Bett zu schicken?
Natürlich müssen Kriege, politische Krisen, Naturkatastrophen, Gewalt oder Korruption Thema sein. Die traurige Realität bleibt Realität, auch wenn wir wegschauen. Wir dürfen das Leid in der Ukraine nicht ausblenden. Aber ist es die ganze Wirklichkeit?
Hier mein Gedankenexperiment:
Was wäre, wenn es nach dem heute journal noch einmal 30 Minuten gäbe? Eine Berichterstattung über das, was funktioniert? Und damit meine ich nicht den netten, kurzen letzten Bericht über Kultur, den manche Magazine für den Ausstieg nutzen.
Und ich meine auch nicht statt Kiew. Nicht statt Klimakrise, Gewalt oder politischem Streit. Sondern zusätzlich. Mit derselben journalistischen Ernsthaftigkeit. Zwei Beispiele, die genauso gewissenhaft recherchiert werden müssten wie Krisenthemen:
Beispiel Integration: Ein Restaurant als Sprungbrett
In New York zeigt Emma’s Torch, wie Integration ganz konkret werden kann: Das gemeinnützige Café bietet Geflüchteten und anderen Neuankömmlingen ein elf Wochen langes, bezahltes Ausbildungsprogramm für Gastronomie. Dazu gehören Küchenpraxis, Englisch und Bewerbungstraining. Die Idee: nicht nur über Migration als Problem reden, sondern zeigen, was Menschen brauchen, um beruflich Fuß zu fassen. Ein Stoff für eine Reportage, mit Menschen, nicht nur Zahlen.
Beispiel Klimawandel: Städte gegen Hitze
Das neue Cool Cities Lab kartiert in mehr als 25 Städten auf fünf Kontinenten Hitzerisiken bis auf Straßen- und Häuserblockebene. Es soll zeigen, wo Bäume, Schatten, helle Dächer oder andere Maßnahmen am meisten bringen. Nairobi, Jakarta, London, Rio und Mexiko-Stadt gehören dazu.
Übrigens: Der Tagesspiegel Background hat das Thema schon aufgegriffen. Es zeigt: Solche Geschichten sind durchaus journalistisch. Sie schaffen es derzeit nur selten auf die große Nachrichtenbühne.
Zwei internationale Beispiele, die zeigen, was ich meine: Die Probleme verschwinden nicht. Aber man kann ebenso recherchieren, wo Menschen Lösungen erproben und was davon tatsächlich funktioniert.
7 Geschichten von uns, die zeigen: Hier klappt etwas!
Auch wir von ohfamoos haben solche Geschichten publik gemacht, übrigens mit den Jahren Hunderte, worüber wir auch ein bisschen stolz sind. Hier nur 7 Beispiele:
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BildungÜber eine Schule, in der Jugendliche neben Mathe, Deutsch und Englisch tatsächlich Glück als Unterrichtsfach wählen können.
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ForstwirtschaftÜber eine Schäferin in Hessen, deren Tiere als „Ökorasenmäher“ den Wald pflegen – eine erstaunlich einfache Idee für nachhaltigere Forstwirtschaft.
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GesellschaftÜber Menschen, die anderen kostenlos etwas schenken, das erstaunlich selten geworden ist: Zeit und echtes Zuhören.
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DigitalisierungÜber eine Jugendliche, die älteren Menschen erklärt, wie Smartphone und Laptop funktionieren – und damit nebenbei Generationen zusammenbringt.
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StadtplanungÜber einen Architekten und seine Idee, Bücher einfach auf die Straße stellen. Das geht! Greves Offene Bücherschränke sind längst Orte der Begegnung geworden.
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VerständigungÜber das Abrahamic Family House in Abu Dhabi, wo Moschee, Kirche und Synagoge nebeneinanderstehen als Ort für Begegnung und interreligiösen Dialog.
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MobilitätOder über eine Busverbindung, die tatsächlich besser wurde, weil ich nachgefragt habe, und Vorschläge präsentierte, und die Verkehrsplaner mitmachten.
Keine Eilmeldungen – und dennoch: Real!
Keine dieser Geschichten wäre eine Eilmeldung. Aber jede erzählt etwas darüber, wie Veränderung tatsächlich entsteht.
Die Kunst wäre, solche Geschichten nicht als Trostpflaster anzubieten: Jetzt hatten wir zwanzig Minuten Krieg, hier kommt zur Beruhigung etwas Niedliches. Sondern mit derselben professionellen Ernsthaftigkeit. Denn auch das gehört zur Wirklichkeit.
Und wir selbst?
Dass Negatives besonders viel Aufmerksamkeit bekommt, ist gut belegt. Eine große Studie zum Online-Nachrichtenkonsum zeigte: Negative Wörter in Überschriften erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken. Wenn wir Katastrophen, Konflikte und Empörung häufiger anklicken als leise Fortschritte, reagieren Redaktionen auch auf unser Verhalten.
Vielleicht müssen wir also nicht nur darüber reden, was Medien uns anbieten, sondern auch darüber, was wir selbst nachfragen.
Unsere kleine Antwort darauf
Wir bei ohoo haben darauf keine endgültige Antwort. Aber wir haben über die Jahre unsere eigene Gewichtung gefunden. Als wir 2014 mit ohfamoos begonnen haben, wollten wir vor allem Geschichten erzählen: über Menschen, Reisen, ungewöhnliche Ideen und gesellschaftliche Entwicklungen.
Mehr als zwölf Jahre und über 1.000 Artikel später wissen wir besser, was diese sehr unterschiedlichen Geschichten verbindet: Wir suchen nicht nach einer heilen Welt. Wir suchen in einer komplizierten Welt danach, was trägt.
- Was funktioniert?
- Wer verändert etwas?
- Wo entsteht Zuversicht?
- Welche Begegnung verändert unseren Blick?
- Was können wir voneinander lernen?
Deshalb haben schwierige Themen bei ohoo genauso ihren Platz. Demokratie, Bildungskrise oder gesellschaftliche Konflikte verschwinden nicht, nur weil unser Motto #volldasguteLeben lautet. Für uns bedeutet das gute Leben nicht, Schwierigkeiten auszublenden. Aber wir wollen ihnen nicht die gesamte Bühne überlassen.
Nicht „positive Nachrichten“ – sondern eine vollständigere Wirklichkeit
Im Journalismus gibt es dafür Begriffe wie konstruktiver Journalismus oder Solutions Journalism. Dabei geht es nicht darum, Probleme schönzureden, sondern zusätzlich zu fragen: Welche Ansätze funktionieren? Wo liegen Grenzen? Was können andere daraus lernen?
Konstruktiv heißt nicht unkritisch. Wer unbedingt Lösungen feiern will, kann schnell PR produzieren.
Eine kleine Seite für die Zeit davor und danach
ohoo ist kein Nachrichtenmedium. Aber vielleicht können wir eine kleine Seite sein, die man morgens liest, bevor man sich der Welt stellt. Oder abends, wenn man von ihr für diesen Tag genug gesehen hat.
Bei uns begegnet man Menschen, die etwas bewegen. Man reist mit Sonja auf die fast unwirkliche Insel Socotra oder nach Taschkent und mit mir nach Kroatien oder durch England und Irland. Wir schreiben über Freundschaft und Selbstständigkeit genauso wie über Genuss und Lieblingsorte.
Über Kunst und Kultur oder die Möglichkeit, alte Klamotten beim Kleidertausch wieder aufleben zu lassen. Manchmal ärgern wir uns auch. Und manchmal beginnen wir einen Text mit einer Frage, auf die wir selbst noch keine fertige Antwort haben.
Sonja schaut mit ihren Augen auf die Welt, ich mit meinen. Unsere gemeinsame Neugier ist geblieben: auf Menschen und das Leben.
Wir blenden die Welt nicht aus.
Wir weigern uns nur, das Gute darin zu übersehen.
Und jetzt interessiert mich Eure Sicht: Brauchen wir mehr Berichterstattung darüber, was funktioniert? Und wie geht Ihr selbst damit um, wenn Euch Nachrichten zu viel werden?
Reden wir darüber.
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Foto: Atlantic Ambience / Pexels